Über den Interviewpartner

Prof. Dr. med. Thomas Ebert ist seit 1989 Facharzt für Urologie und war als leitender Oberarzt bereits in verschiedenen Kliniken wie dem Universitätsklinikum Rudolf Virchow in Berlin oder der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf tätig. Zusammen mit anderen Fachärzten schloss er sich zur Urologie 24, einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis für Urologie, zusammen. Zudem ist er seit 2009 Leiter des Prostatazentrums Nürnberg. Sein Behandlungsschwerpunkt liegt in der Therapie von Prostatakarzinomen.

Dr. Uwe Niklas spricht im Interview über Prostatavergrößerung

Herr Prof. Dr. Ebert, was ist die Prostata?

Die Prostata ist eine kleine Drüse. Sie hat normalerweise die Größe einer Kastanie und sitzt um die Harnröhre herum, direkt unterhalb der Blase.

Und welche Funktionen hat sie?

Die Prostata produziert eine Flüssigkeit, die die Spermien beweglicher macht – damit diese überhaupt an die Eizelle herankommen können. Mit anderen Worten: Ohne die Prostata-Flüssigkeit könnten wir keine Kinder zeugen.

Aber die Prostata ist ja bekanntlich auch der „wunde Punkt des Mannes“. Welche Probleme kann sie verursachen?

Die Prostata fängt bei vielen Männern im Alter von 30 bis 40 Jahren langsam an zu wachsen. Das ist im Prinzip überhaupt nicht schlimm. Aber diese Größenzunahme kann bei manchen Männern zu Entleerungsstörungen der Blase führen. Folgen sind beispielsweise, dass das Wasserlassen schwieriger wird oder Betroffene nachts häufiger auf die Toilette müssen.

Zum anderen ist eine Vergrößerung nicht immer gutartig, sie kann auch bösartig sein. Prostatakrebs kommt zwar seltener als eine gutartige Prostatavergrößerung vor, aber doch relativ häufig.

Medizinbegriffe erklärt – kurz und kompakt

  • gutartige Prostatavergrößerung oder benigne Prostatahyperplasie (BPH): Wachstum des Männerorgans durch eine vermehrte Teilung der Prostatazellen; das dabei entstehende Gewebe ist gutartig
  • bösartige Prostatavergrößerung (maligne Prostatahyperplasie): häufigste Tumorerkrankung beim Mann, die vom Drüsengewebe der Vorsteherdrüse ausgeht

Warum kann die Prostata wachsen?

Die Prostata kann so groß wie ein Tennisball werden – also ihr Volumen vervielfachen. Warum das bei manchen Männern passiert, ist vollkommen unklar. Wir wissen, es hängt sicherlich mit den Hormonen zusammen, sprich mit Östrogenen und Testosteron. Aber welche Art von Verschiebungen im Östrogen- oder Testosteronspiegel letztendlich eine Prostatavergrößerung unterstützen – das ist nie restlos geklärt worden.

Gibt es neben Hormonen auch andere auslösende Faktoren, die eine Vergrößerung beeinflussen – zum Beispiel bestimmte Ernährungsformen?

Untersuchungen im asiatischen Raum haben gezeigt, dass die Prostata durch eine rein oder hauptsächlich pflanzliche Kost nicht so stark wächst. Das heißt: Fleischesser müssen davon ausgehen, dass sie durch ihre Ernährungsweise den normalen Gang der Dinge durchaus vorantreiben können. Aber zu behaupten, dass Fleisch allein die Ursache einer Prostatavergrößerung ist, wäre nicht richtig…

…aber Vegetarier haben anscheinend die gesündere Prostata, richtig?

In Asien, wo sich die Menschen viel fleischarmer ernähren, kommen weitaus weniger Menschen mit Prostatakrebs in die Kliniken. Autopsiestudien (Untersuchung bei Verstorbenen, Anm. d. Red.) zeigen jedoch, dass die Anlagen für Prostatakrebs genauso häufig vorkommen wie bei uns in Europa. Aber offensichtlich ist die Wahrscheinlichkeit für Prostatakrebs mit einer fleischarmen Ernährung geringer.

Was sind denn genau die Beschwerden bei einer Prostatavergrößerung?

Grundsätzlich kann sich eine Prostata sehr stark vergrößern, ohne dass der Patient das überhaupt bemerkt. Umgekehrt kann schon eine kleinere Vergrößerung bei anderen Patienten dazu führen, dass es zu Beschwerden kommt.

Dazu gehören beispielsweise:

  • ein schwächerer Urinfluss,
  • häufiger Drang zu Urinieren oder
  • die Blase wird nicht mehr vollständig entleert oder
  • ein Gefühl, der Harndrang lässt sich nicht mehr so lange hinauszögern wie früher.

Aber diese Symptome eignen sich nicht für Rückschlüsse darüber, ob es sich um eine bösartige oder eine gutartige Vergrößerung handelt.

Gibt es noch weitere Beschwerden bei einer Prostatavergrößerung?

Wenn die Prostata riesengroß wird, dann kann es leicht passieren, dass Blutgefäße, die auf der Schleimhaut der Prostata sitzen, beim Wasserlassen einreißen. Dadurch wird in seltenen Fällen Blut im Urin beobachtet.

Wenn sich aufgrund der Blasenentleerungsstörungen Restharnmengen bilden, kann es außerdem leichter zu Infektionen und zur Bildung von Steinen kommen, weil der Harn kristallisiert.

Auch ein Nierenstau (Urin kann nicht mehr von der Niere in die Harnblase gelangen; Anm. d. Red.) ist möglich. Allerdings hat man ein solch fortgeschrittenes Stadium der Prostatavergrößerung vor 30 Jahren noch viel öfter gesehen als heute. Die Patienten kommen mittlerweile frühzeitiger zum Urologen.

Beeinflusst eine Prostatavergrößerung auch das Sexualleben?

Ich weiß, dass das immer ein ganz heißes Thema ist, das viele Männer interessiert. Aber ganz klar ist: Eine Prostatavergrößerung an sich, beeinträchtigt die Erektionsfähigkeit überhaupt nicht.

Aber empfindet ein Mann Schmerz beim Liebesakt, wenn er eine vergrößerte Prostata hat?

Nicht unbedingt. Aber wenn der Druck auf die Harnröhre, dort wo die Samenflüssigkeit mündet, auch sehr stark ist, dann empfinden manche Männer beim Samenerguss einen ziehenden Schmerz, der nach zehn bis fünfzehn Minuten wieder verschwunden ist. Das kommt jedoch eher selten vor.

Viele Männer meiden trotz Beschwerden beim Wasserlassen oder im Sexualleben den Besuch beim Urologen. Woran liegt das?

Ich bin kein Psychologe und dem Thema nie wissenschaftlich nachgegangen. Es stimmt schon, dass Frauen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Für die Frau ist diese Hemmschwelle offensichtlich wesentlich geringer als für den Mann. Das ändert sich inzwischen. Aber viele Männer glauben, sie sind unschlagbar. Und bevor ein Mann zum Arzt geht, da muss erst etwas passieren.

Wenn wir schon beim Thema Vorsorge sind – was ist eine sogenannte Hafenrundfahrt?

Ich weiß natürlich, was damit gemeint ist, aber konnte mit diesem Bild noch nie etwas anfangen. „Hafenrundfahrt“ meint die Austastung des Enddarms mit dem Finger des Urologen.

Der Arzt kann durch den Darm die Rückseite der Prostata tasten. Dadurch kann er unter anderem die Größe feststellen. Dies ist alternativ mit dem Ultraschall möglich. Mit dem Finger kann der Mediziner jedoch erkennen, ob auf der Oberseite der Prostata Verhärtungen oder Knoten sind. Das wären dann Anhaltspunkte, dass mit der Prostata etwas nicht stimmt.

Können Sie bei einer Tastuntersuchung herausfinden, ob es sich um einen gutartigen oder bösartigen Tumor handelt?

Sagen wir so, wenn ich bei der Tastuntersuchung einen Tumor tasten würde, dann ist er in 50 Prozent der Fälle so groß, dass ich ihn nicht mehr heilen kann. Das heißt, der Finger eignet sich für eine Spätuntersuchung und keine Früherkennung.

Warum macht man die Fingeruntersuchung trotzdem?

Weil es ganz seltene Prostatakarzinome gibt, die man auch über eine Blutuntersuchung nicht feststellen kann. Sie produzieren diesen berühmten Wert PSA nicht. Und dann ist die einzige Chance der Finger.

Für was steht denn dieser sogenannte PSA-Wert?

PSA steht für „prostataspezifisches Antigen“.

Was ist das?

Das ist ein Eiweiß, das im männlichen Körper nur in der Prostata gebildet wird. Frauen haben es gar nicht und ein Teil dieses PSAs lässt sich im Blut nachweisen. Es ist mittlerweile bekannt, dass es zwar keinen ganz festen Schwellenwert gibt, aber dass PSA-Werte, die sehr schnell steigen – also sich beispielsweise jedes Jahr verdoppeln – ein klares Zeichen dafür sind, dass mit der Prostata etwas nicht stimmt.

Die Bestimmung des PSA-Wertes ergibt am meisten Sinn, wenn Patienten ihren eigenen PSA-Verlauf kennen. Ein einmalig gemessener Wert ist nicht wahnsinnig viel wert, aber wird den eigenen individuellen Wert einmal im Jahr (oder alle zwei Jahre) gemessen, dann kann der Urologe daraus wichtige Erkenntnisse über die Prostata gewinnen.

Welche Mittel stehen Ihnen bei der Untersuchung noch zur Verfügung?

Auch der Ultraschall ist ein wichtiges Verfahren zur Diagnose von Prostataerkrankungen. Der Patient muss vor der Untersuchung seine Blase entleeren. Mit dem Ultraschallgerät wird dann überprüft, ob die Blase tatsächlich ganz leer ist oder ob schon Restharn aufgrund einer vergrößerten Prostata vorhanden ist. Gleichzeitig können wir mit dem Ultraschall natürlich die Prostata selbst anschauen und ausmessen.

Wenn die Diagnose nun gutartige Prostatavergrößerung lautet: Wann ist eine Behandlung nötig?

Eine gutartige Prostatavergrößerung kommt bei fast allen Männern vor. Wenn ein Patient überhaupt keine Probleme hat, muss eine gutartige Prostatavergrößerung auch nicht behandelt werden. Anders sieht es aus, wenn schon Restharn in erheblichem Maße vorhanden ist, und zu erwarten ist, dass die Blase unter der Prostatavergrößerung leidet. Heute gibt es gute medikamentöse Möglichkeiten, um Beschwerden wie ständigen Harndrang oder Brennen beim Wasserlassen zu therapieren.

Wann ist eine Operation notwendig?

Da gibt es klare Definitionen durch die Leitlinien, an die sich Fachärzte halten sollten. Grundsätzlich aber dann, wenn der Patient mit der Situation nicht mehr leben kann und Medikamente die Beschwerden nicht verbessern.

Daneben existieren absolute Indikationen, bei denen eine Operation unausweichlich ist. Zum Beispiel müssen Blasensteine operativ entfernt werden. Im selben Eingriff würde der Arzt dann auch die Prostata verkleinern, damit eine Prostatavergrößerung nicht erneut auftritt. Oder wenn eine Prostata aufgrund der Vergrößerung permanent blutet – auch dann ist eine Operation notwendig.

Ist auch ein Leben ohne Prostata möglich?

Es gibt ein Leben ohne Prostata – selbstverständlich. Die Prostata brauchen wir Männer im Prinzip nur solange wir Kinder zeugen wollen, danach ist es ein relativ sinnloses Organ. Leider liegt die Prostata an einer nicht ganz so einfach zugänglichen Stelle, sonst könnte man das Organ ja mit 60 oder wenn der Mann entscheidet, er möchte keine Kinder mehr haben, einfach entfernen. In einigen Fällen wird das auch gemacht und man kann auch ohne Prostata wunderbar leben.

Nur rund 15 Prozent der Männer ab 45 Jahren nehmen eine Vorsorgeuntersuchung wahr. Was möchten Sie den Männern zum Thema Prostatauntersuchung abschließend mitgeben?

Das Wichtigste wäre mir, dass Männer verstehen, dass sie nicht erst zum Urologen gehen sollten, wenn sie Prostata-Probleme bemerken.

Ein Tumor ist heutzutage nahezu in 100 Prozent der Fälle heilbar, wenn er rechtzeitig festgestellt wird. „Rechtzeitig“ bedeutet meist, dass dieser zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Beschwerden macht. Umgekehrt: Ein Tumor, der schon Probleme verursacht, ist häufig nicht mehr zu heilen. Und deshalb heißt Früherkennung einmal im Jahr zum Urologen gehen.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ebert, vielen Dank für das spannende Interview!

Hier weiterlesen:

Miriam Müller Aufgewachsen in einer Familie aus Krankenschwestern und Journalisten, interessierte sich Miriam Müller bereits sehr früh für die Themen Medizin und Medien. Nach verschiedenen Praktika im journalistischen Bereich – unter anderem bei der Deutschen Welle in Washington D.C. – absolvierte sie erfolgreich ihr Masterstudium Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Miriam Müller Medizinredakteurin und Kommunikationswissenschaftlerin kanyo® mehr erfahren