Hodenhochstand: Wenn der Hodensack leer bleibt

28. Januar 2019
8 Min.

Normalerweise wandern die Hoden im Laufe der embryonalen Entwicklung eines Babys von der Bauchhöhle nach unten in den Hodensack. Doch was, wenn sich die „Kronjuwelen“ des Mannes auf ihrer Reise „verirren“, sie zum Beispiel im Leistenkanal stoppen und somit nicht da sind, wo sie hingehören? Welche Auswirkungen ein sogenannter Hodenhochstand (Maldescensus testis) auf das Leben Erwachsener haben kann, erfahren Sie hier.

Ärztin bespricht mit dem Vater, wie der Hodenhochstand bei seinem Sohn behandelt wird.

Überblick

Wie kommt es zu einem Hodenhochstand?

Etwa drei Prozent aller Jungs, die termingerecht zur Welt kommen, haben einen Hodenhochstand.1 Bei Frühgeborenen sogar etwa jeder dritte.1 Der Grund: Erst in den letzten beiden Monaten vor der Geburt erreichen die Hoden den Hodensack.2 Kommt das Baby zu früh zur Welt, ist diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen.

  • Zu den weiteren Ursachen gehören anatomische Besonderheiten wie ein Leistenbruch, die die Hoden daran hindern, nach unten zu wandern.
  • Auch Hormonstörungen, genauer die zu geringe Ausschüttung des Hormons Gonadotropin, welches wichtig ist für die Entwicklung der männlichen Keimdrüsen, sind denkbar.
  • Zudem wird eine erbliche Veranlagung diskutiert.

Grundsätzlich aber sind die Ursachen, die zu einem Hodenhochstand führen, noch nicht umfassend erforscht.

Medizinexkurs: Welche Aufgaben haben die Hoden?

Die Hoden produzieren neben dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron auch die Spermien. Bleibt im Säuglingsalter ein Hodenhochstand unbehandelt, kommt es zu einer Störung der Ausreifung der Spermien, denn: Für diesen Vorgang benötigen sie Temperaturverhältnisse, die unter der Körpertemperatur von 36,5 bis 37,4 Grad Celsius liegen.3 Befinden sich die Hoden an anderer Stelle als im Hodensack, ist dies nicht gewährleistet.

Formen des Hodenhochstands

Auch wenn man denken könnte, dass nur wenige Möglichkeiten bestehen, wo sich einer oder beide Hoden außerhalb des Hodensacks befinden können – es gibt einige.

Mediziner unterscheiden je nach Lage

  • Leistenhoden: Der Hoden verbleibt im Leistenkanal, dort ist er auch tast- aber nicht nach unten verschiebbar. Mit circa 60 Prozent ist dies die häufigste Form des Hodenhochstands.1
  • Bauchhoden: Er liegt im Bauchraum. Der Kinderarzt kann diesen nicht tasten, aber bei der Ultraschalluntersuchung sehen.
  • Gleithoden: Da der Samenstrang zu kurz ist, gleitet der Hoden sofort nachdem man ihn mit der Hand nach unten geschoben hat, zurück in den Leistenkanal.
  • Pendelhoden: Zwar liegt dieser meist im Hodensack, doch äußere Einflüsse wie Berührung oder Kälte führen zu einem vorübergehenden Hodenhochstand. Selbiges geschieht durch den Zug des Musculus cremaster, einem Muskel, der den Hoden nach oben zieht, wenn sich die betroffenen Jungen bewegen. Wie weit der Hoden nach oben geht, variiert. Sowohl eine Lage oberhalb des Hodensacks als auch im Leistenkanal ist möglich.

Da der Pendelhoden von selbst wieder nach unten in den Hodensack wandert, ist in der Regel keine Therapie notwendig. Trotzdem sollten Erwachsene, die Jungen mit dieser Form des Hodenhochstands haben, einmal jährlich zum Kinderarzt gehen,5 denn: In bis zu 45 Prozent der Fälle kann eine sogenannte sekundäre Aszension auftreten. Das heißt, der Pendelhoden verliert seine Elastizität, wodurch er nicht mehr von selbst nach unten in den Hodensack wandert.5

Diagnose Hodenhochstand beim Baby: Wann müssen Erwachsene handeln?

Es besteht die Möglichkeit, dass in den ersten sechs Lebensmonaten eines reifgeborenen Kindes die Hoden selbstständig nach unten in den Hodensack wandern (Spontandeszensus).4 Davon ausgenommen ist die Anorchie (fehlende Hodenanlage) sowie die Agenesie (Hoden nicht vorhanden). Bis der Nachwuchs also ein halbes Jahr alt ist, sollten Eltern abwarten.

Zu einem späteren Zeitpunkt, regelt sich ein Hodenhochstand nicht von selbst – daher ist es wichtig, zeitig zu handeln. Wird das Kind ein Jahr alt, sollte die Behandlung abgeschlossen sein, um Folgeschäden des Hodenhochstands wie Unfruchtbarkeit zu verhindern.5 Bei Frühgeborenen gilt das korrigierte Alter, das heißt, es wird der ursprünglich errechnete Geburtstermin herangezogen, nicht der tatsächliche, da die Kinder zum Zeitpunkt der Entbindung noch nicht voll entwickelt sind.

Folgen eines unbehandelten Hodenhochstands: Unfruchtbarkeit

Eine der gravierenden Auswirkungen eines Hodenhochstands, der nicht therapiert wird, ist die Unfruchtbarkeit. Da es in der Bauchhöhle oder im Leistenkanal wärmer ist als im Hodensack, nehmen die samenbildenden Zellen der Keimdrüsen Schaden. Sind beide Hoden nicht an ihrem angestammten Platz, liegt die Wahrscheinlichkeit für Unfruchtbarkeit bei einem unbehandelten Hodenhochstand bei 80 Prozent, ist ein Hoden betroffen bei 40 Prozent.1

Und die Prognose?

In neun von zehn Fällen lässt sich die Unfruchtbarkeit abwenden, wenn der Hodenhochstand vor dem Ende des zweiten Lebensjahres erfolgreich behandelt wird.1

Daneben besteht außerdem ein erhöhtes Risiko, an einem Hodenmalignom (Geschwür) zu erkranken – dies aber selbst nach erfolgreicher Therapie und häufig im Alter von 20 bis 40 Jahren.6 Daher sollten Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen und sie dahingehend sensibilisieren, dass sie im Teenageralter frühzeitig die ärztliche Hilfe eines Kinderarztes und Urologen in Anspruch nehmen. Und zwar dann, wenn sie Veränderungen am Hoden feststellen.

Ein weiterer Grund für die Therapienotwendigkeit eines Hodenhochstands ist die Gefahr einer schmerzhaften Hodentorsion, bei der sich der Hoden samt Samenstrang um die eigene Achse drehen. Aufgrund der damit verbundenen Gefahr eines Zellsterbens gilt die Hodentorsion als urologischer Notfall.

Was tun bei einem Hodenhochstand?

Während der Pendelhoden keiner Behandlung bedarf, empfiehlt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) bei einem Gleithoden den Einsatz von Hormonen. In allen anderen Fällen ist eine Operation anzustreben. Bei der Hormontherapie wird GnRH (Gonadotropin releasing hormone) in Form eines Nasensprays verabreicht oder das Hormon hCG (humanes Choriongonadotropin) als Spritze. Auch eine Kombination aus beidem ist denkbar. Ziel ist es, mit der Hormongabe die Hoden soweit anzuregen, dass sie nach unten in den Hodensack wandern.

Je nach Quelle wird die Erfolgsquote der konservativen Therapie mit Hormonpräparaten mit 20 oder fast 50 Prozent5,7 beschrieben. Ein Grund sind auch mögliche Nebenwirkungen wie Schmerzen im Genitalbereich weshalb eine Operation häufig als Mittel der Wahl gilt. Wobei dies nicht heißen soll, dass eine Operation frei ist von jeglichen Komplikationen. Während des chirurgischen Eingriffs legt der Operateur den Hoden frei und vernäht ihn im Hodensack. Der Hodenhochstand wird beispielsweise auch dann operativ korrigiert, wenn der Hodensack fest im Unterhautfettgewebe der Leiste sitzt oder zusätzlich zum Hodenhochstand ein Leistenbruch vorliegt.

Welche Behandlungsstrategie sich bei Ihrem Sohn am besten eignet, wird Ihnen Ihr Arzt in einem ausführlichen Beratungsgespräch mitteilen, und Ihnen auch die Vor- und Nachteile dieser genau erklären.