Hodenkrebs: Warum die Früherkennung so wichtig ist

15. April 2019
13 Min.

Hodenkrebs ist keine Sache des Alters – rund 80 Prozent der Hodenkrebserkrankten sind weniger als 50 Jahre alt.1 Es kann also junge Männer genauso treffen wie Senioren, wobei überwiegend Männer zwischen 20 und 40 Jahren betroffen sind.2 Durch eine regelmäßige Selbstuntersuchung lässt sich ein Hodentumor zeitig erkennen. Vor allem, wenn er in einem frühen Stadium diagnostiziert wird, ist er gut behandelbar.

Hodenkrebs: Illustration mit Erklärungen (Penis, Hoden, Nebenhoden, Samenleiter)

Zusammenfassung

  • Neuerkrankungen: 6 bis 7 pro Jahr und pro 100.000 Einwohner3
  • häufige Ursachen: Krebsvorläuferzellen, die bereits vor der Geburt angelegt sind; Hodenhochstand; familiäre Faktoren
  • Symptome: Schweregefühl; keine Schmerzen; Wachstum der Brustdrüse (selten)
  • Therapie: abhängig vom Tumortyp operative Entfernung des Hodens oder Bestrahlung
  • Prognose: gut heilbar;4 generell abhängig von Faktoren wie Tumorart und -ausreifung oder dem Vorhandensein von Metastasen (Tochtergeschwulst)

Überblick

Ursachen und Risikofaktoren von Hodenkrebs

Hodenkrebs geht in 95 Prozent der Fälle von den Spermien und ihren Vorläuferzellen aus, den sogenannten Keimzellen.5 Deswegen werden Hodentumore auch als „Keimzelltumore“ bezeichnet.

Unterteilt werden diese noch einmal in

  • Seminome (entwickeln sich ausschließlich aus den Vorläufern der Spermien) und
  • Nicht-Seminome (beispielsweise Kombination aus verschiedenen Tumoranteilen).

Vergleichsweise selten sind Hodentumore aus anderen Zellen, beispielsweise das von Weichgewebe wie Muskel- oder Bindegewebe ausgehende Rhabdomyosarkom, von dem meist Kinder betroffen sind.

Wieso entsteht Hodenkrebs?

Experten gehen davon aus, dass die Basis eines Seminoms bereits vor der Geburt des Mannes gelegt wird. In dieser embryonalen Entwicklungsphase können die Vorläuferzellen des Krebses (TIN-Zellen) entstehen. Durch den Hormonschub der Pubertät werden die TIN-Zellen – die sich bis dato im Ruhezustand befanden – aktiviert und entwickeln sich zu Krebszellen. Sie lassen sich übrigens, bereits Jahre bevor der Krebs überhaupt entsteht, mikroskopisch nachweisen.

Die eigentlichen Ursachen sind ungeklärt. In der Wissenschaft sind aber einige begünstigende Risikofaktoren bekannt:

  • Hodenhochstand: Dabei befinden sich ein oder beide Hoden (Testes) nicht an der vorhergesehenen Stelle im Hodensack, sondern zum Beispiel im Leistenkanal oder Bauchraum. Männer mit einer solchen angeborenen Lageabweichung entwickeln häufiger einen Hodentumor. Selbst frühzeitig behoben, bleibt der Hodenhochstand ein hoher Risikofaktor für die Entwicklung eines Hodentumors.
  • Vererbung: Leiden oder litten bereits enge Verwandte wie Vater oder Bruder an Hodenkrebs, ist die Wahrscheinlichkeit höher, selbst zu erkranken.
  • Hormone: Experten gehen davon aus, dass ein erhöhter Anteil an weiblichen Hormonen (Östrogene) in der Schwangerschaft womöglich die Hodenentwicklung beim ungeborenen Jungen stört.
  • Unfruchtbarkeit: Männer, die keine oder nur eine geringe Menge an Spermien in der Samenflüssigkeit aufweisen, leben ebenfalls mit einem erhöhten Hodenkrebsrisiko.

Da die Zahl der Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist,6 liegt es nahe, dass auch Einflüsse wie etwa die Ernährung die Entstehung begünstigen. Diese Behauptung wurde allerdings noch nicht wissenschaftlich belegt.

Welche Symptome gibt es bei Hodenkrebs?

  • Veränderung der Größe eines oder beider Hoden
  • tastbare, schmerzlose Verhärtung oder Anschwellung der Testikel
  • Berührungsempfindlichkeit im Bereich der Hoden
  • Schweregefühl im Hoden
  • ziehende Schmerzen im Samenstrang (aufgrund des größeren Gewichts der Hoden)
  • Ansammlung von wässriger Flüssigkeit im Bereich des Hodensacks (Hydrozele)
  • angeschwollene Brustdrüsen durch weibliche Geschlechtshormone, die der Tumor produziert

Ist der Tumor fortgeschritten und haben sich bereits Metastasen in Bauch oder Lunge gebildet, kann es zu Beschwerden wie diffusen Bauchschmerzen oder Atemnot kommen. Nicht selten treten zudem Allgemeinsymptome wie Müdigkeit und Gewichtsabnahme auf.

Das Problem bei Hodenkrebs: Im Frühstadium macht sich der Tumor so gut wie nie durch Beschwerden wie Schmerzen bemerkbar, weshalb nicht immer sofort ärztlicher Rat eingeholt wird. Zwischen dem ersten Symptom und der Diagnose liegen gelegentlich Wochen bis Monate.3

Wenn Sie unsicher sind, ist es daher ratsam, die Ursache Ihrer Gesundheitsprobleme vorsorglich abklären zu lassen. Auch, wenn der Gang zum Facharzt schwerfällt und sicher mit Ängsten verbunden ist – verschaffen Sie sich selbst Klarheit. Nicht selten können Sie nach dem Termin schnell aufatmen, da Beschwerden wie Schwellungen auch mit gutartigen Erkrankungen, beispielsweise einem Wasserbruch, einhergehen.

Vorsorge: Hoden regelmäßig abtasten

Um Hodenkrebs frühzeitig zu erkennen, scheuen Sie sich nicht davor, Ihre Geschlechtsorgane auch selbst regelmäßig abzutasten. Dies sollte – ähnlich wie das Kontrollieren der Brust bei der Frau – zur Routine eines jeden Mannes gehören.

Selbstuntersuchung – so geht´s:

  • Am besten führen Sie diese unter der Dusche oder beim Baden durch, da die Haut des Hodensacks dann weich und entspannt ist. Veränderungen sind so besser zu ertasten.
  • Öffnen Sie eine Handfläche und legen den Hodensack darauf, bevor Sie die Hand leicht auf und ab bewegen. So checken Sie zunächst Größe sowie Gewicht. Die Hoden müssen nicht exakt gleich groß sein, aber einander entsprechen.
  • Danach sollte jeder Testikel einzeln zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger herumgerollt werden. Die Hoden müssten auf Druck nachlassen, sich weich anfühlen und dürften nicht verhärtet sein.
  • Stellen Sie sich zum Schluss vor den Spiegel und achten Sie auf eine Veränderung der Größe durch eine Schwellung.
Was spüre ich denn da? Eine Verhärtung oder die Nebenhoden?

Nicht mit einer krankhaften Veränderung zu verwechseln sind die Nebenhoden. In ihnen reifen die Spermien heran. Sie sehen aus wie eine Mütze auf den Hoden und der Außenseite und können ebenfalls, wenn auch etwas schwerer, ertastet werden.

Auch hier noch einmal die Bitte, bei Unsicherheiten den Urologen aufzusuchen.

Wiederholen Sie das Abtasten einmal im Monat.7 Umso wichtiger ist das „selbst Hand anlegen“ vor dem Hintergrund, dass Männer die Vorsorgeuntersuchung von Hodenkrebs aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.8 Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht.

So läuft die Diagnose eines Hodentumors ab

Je früher Sie zum Urologen gehen, desto schneller kann er den Krebs erkennen. Der Experte führt dazu eine Reihe von Untersuchungen durch.

Mögliche Methoden:

  • Anamnese: Der Urologe befragt Sie zunächst zu Ihren Symptomen, deren Dauer sowie Vorerkrankungen bei Ihnen und Ihrer Familie.
  • Tastuntersuchung: Der Arzt checkt beide Testikel auf Veränderungen. Hodentumore fühlen sich hart und leicht höckerig an.
  • Diaphanoskopie: Der Facharzt durchleuchtet die Hoden mit einer starken Lichtquelle. Krankhafte Veränderungen wie Knoten oder Verhärtungen zeichnen sich als Schatten ab.
  • Ultraschalluntersuchung: Um den Verdacht auf Hodenkrebs zu bestätigen (oder zu wiederlegen), steht dem Arzt die Sonografie (Ultraschall) zur Verfügung, bei der Gewebeveränderungen im Hoden sichtbar werden. Bei der Gelegenheit sucht der Arzt auch die inneren Organe wie Leber, Milz, Nieren und Nebennieren sowie die Lymphknoten nach Auffälligkeiten ab. Hier können ebenfalls Hinweise auf ein Seminom liegen.
  • Computertomographie (CT): Bei diesem Röntgenverfahren werden Bilder der gewünschten Körperbereiche wie Brustkorb und Bauch im Querschnitt gewonnen, um herauszufinden, ob und wo im Körper sich Metastasen gebildet haben.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Alternativ zum CT ordnet der Urologe ein MRT an. Beide Verfahren kommen aber erst dann zum Einsatz, wenn sich der Verdacht auf Hodenkrebs bestätigt hat.
  • Blutuntersuchung: Sie dient dem Arzt dazu, sogenannte Tumormarker ausfindig zu machen. Dabei handelt es sich um Stoffe, welche die Tumorzellen selbst bilden. Sind Tumormarker wie alpha-Fetoprotein (AFP) und beta-humanes Choriongonadotropin (ß-HCG) im Blut nachweisbar beziehungsweise deren Werte erhöht, kann das auf einen bösartigen Hodentumor hinweisen.
  • Gewebeentnahme: Steht der Verdacht eines bösartigen Tumors weiterhin im Raum, wird der Hoden in einer Operation freigelegt. Eine Gewebeprobe, die der Mediziner aus der krankhaften Gewebewucherung entnimmt, sichert die Diagnose.

Wenn ein Hodentumor vermutet oder gar bereits diagnostiziert wurde, kontrolliert der Spezialist in einer weiteren Blutuntersuchung den Lactatdehydrogenase-Wert (Enzym). Anhand dieser Auswertung untersucht er die Größe und Ausbreitung des Tumors. Ein stark erhöhter Wert weist auf eine fortgeschrittene Erkrankung hin.

Die klinischen Stadien von Hodenkrebs

  • Stadium I: Tumor auf Hoden beschränkt, keine Metastasen
  • Stadium II: Lymphknotenmetastasen unterhalb des Zwerchfells
  • Stadium III: Metastasen, die sich in anderen Organen wie Lunge oder Leber ausgebreitet haben

Was passiert danach? Die Behandlung von Hodenkrebs

Sie haben die Diagnose „bösartiger Tumor“ erhalten? Geraten Sie nicht in Panik. Die gute Nachricht: Der Hodentumor hat bei Früherkennung relativ gute Heilungschancen.

Kriterien für die Wahl der Therapie

  • Aggressivität des Tumors
  • Tumorart (Seminom oder Nicht-Seminom)
  • Werte der Tumormarker
  • Stadium/Ausbreitung des Tumors
  • allgemeiner Gesundheitszustand und Alter des Betroffenen

Meist wird der betroffene Hoden in einer circa einstündigen Operation zusammen mit dem Nebenhoden und dem Samenstrang entfernt (Orchiektomie).9 Während der Operation entnimmt der Arzt auch eine Gewebeprobe aus dem anderen Testikel des Patienten, um sicherzugehen, dass dieser nicht ebenfalls befallen ist.

Was danach folgt, hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab:

  • Tumorart (Seminom oder Nicht-Seminom)
  • Tumorstadium

Diese Möglichkeiten der Behandlung gibt es:

Seminom

(vorausgesetzt, der Krebs hat sich noch nicht in andere Organe ausgebreitet und auch die Lymphknoten sind nicht betroffen)
  • Überwachungs-Strategie
  • Chemotherapie
  • Strahlentherapie
Nicht-Seminom
  • Überwachungs-Strategie (wenn keine Metastasen vorhanden sind; bei geringem Rückfallrisiko)
  • Chemotherapie (vorbeugend; wenn bereits Blutgefäße betroffen sind; bei Metastasen in den Lymphknoten und/oder anderen Organen) oder
  • Entfernung von Lymphknoten im hinteren Bauchraum (vorbeugend, denn: hier bilden sich erste Metastasen bei Hodenkrebs)

Was passiert bei einer Chemo- und Strahlentherapie?

Bei einer Chemotherapie blockieren Medikamente (Zytostatika) das Wachstum der Krebszellen und beeinflussen somit die Zellteilung. In der Regel finden sie im Nachgang zur Orchiektomie statt. Bei fortgeschrittenem Hodenkrebs erfolgt die Chemotherapie noch vor dem chirurgischen Eingriff.

Vereinzelt wird eine Strahlentherapie verordnet, bei der radioaktive Strahlen die Krebszellen schädigen.

Überwachungs-Strategie

Unter der sogenannten Surveillance-Strategie verstehen Mediziner eine engmaschige, sprich häufige und regelmäßige Überwachung des Tumors. Hintergedanke dieses Ansatzes: In einem frühen Stadium des Hodentumors soll der Patient nicht übertherapiert werden, denn sowohl die Chemo- als auch Strahlentherapie können starke Nebenwirkungen wie Haarausfall, Übelkeit, eine beeinträchtigte Lungen- und Nierenfunktion oder Entzündungen der Harnblase haben.

Welche Behandlungsmethode(n) Anwendung finden, hängt immer von mehreren Faktoren ab. Fachärzte der unterschiedlichsten Spezialisierungen wie Onkologie, Radiologie und Urologie erstellen einen individuell angepassten Therapieplan für ihre Patienten.

Folgen für Sexualität und Fruchtbarkeit

Viele Männer fürchten die Folgen von Hodenkrebs. Verliert der Mann durch eine Orchiektomie etwa seine „Männlichkeit“? Entfernt der Chirurg einen Hoden, bleibt die Zeugungsfähigkeit in den meisten Fällen erhalten. Auswirkungen auf das Sexualleben gibt es in der Regel keine. Der fehlende Hoden kann nach Abschluss der Behandlung durch eine Prothese aus Silikon ersetzt werden.

Verliert der Mann beide Hoden und/oder Nebenhoden, gibt es die Möglichkeit der Substitutionsbehandlung, bei der der Patient Hormonpräparate einnimmt, die das wichtigste männliches Sexualhormon ersetzen. Zwar ist eine Erektion somit möglich, Kinder zeugen kann der Betroffene jedoch keine (mehr). Ist die Kinderplanung noch nicht abgeschlossen, besteht die Möglichkeit, Samenzellen vor der Therapie einfrieren zu lassen, um sie später im Rahmen einer künstlichen Befruchtung wieder zu verwenden. Lassen Sie sich dazu ausführlich von Ihrem Arzt beraten.

Monika Hortig
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Medizinredakteurin
Julia Lindert
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