Urintest: Harn im Check

25. September 2018
9 Min.

Wer wissen will, wie es um seine Gesundheit bestellt ist, muss Harn lassen. Der Urintest ist eine wichtige Diagnosemethode, wenn sich Patienten mit akuten Beschwerden beim Urologen vorstellen. Sind Bestandteile wie rote Blutkörperchen oder Eiweiß im Urin, kann das dem Facharzt Hinweise auf eine zugrundeliegende Erkrankung geben. Wie läuft ein Urintest ab? Liefern auch Urinstreifen aus der Apotheke zuverlässige Ergebnisse? All das erfahren Sie hier.

Beim Urintest gleicht der Urologe die Verfärbungen auf den typischen Streifen mit einer Farbskala ab.

Urin – Indikator für den Gesundheitszustand

Normalerweise ist der Toilettengang etwas, über das wir uns wenig Gedanken machen. Und dass, obwohl Urin so etwas wie ein Indikator für unseren Gesundheitszustand ist. So gibt es Parameter, die auch Nicht-Mediziner stutzig werden lassen, wenn sie anders sind, als gewohnt, beispielsweise

  • den Uringeruch oder
  • die Urinfarbe.

Normalerweise ist der Geruch neutral. Lässt er sich eher als stechend und ammoniak-ähnlich beschreiben, könnte dies unter anderem durch Bakterien herrühren. Erinnert Sie der Uringeruch dagegen eher an acetonhaltigen Nagellackentferner, sollte abgeklärt werden, ob Sie an Diabetes mellitus leiden.

Auch die Farbe des Urins sagt einiges über unsere Gesundheit aus. Ist sie dunkler als üblich, muss das aber nicht zwangsläufig krankheitsbedingt sein, sondern kann auch von harmlosen Auslösern wie einer zu geringen Trinkmenge oder dem Verzehr größerer Mengen an Vitamin B oder Beta-Carotin-haltigen Lebensmitteln wie Rote Beete oder Karotten herrühren. Ist jedoch mit bloßem Auge Blut im Urin erkennbar (Makrohämaturie), steht das Finden der Blutungsquelle im Fokus. Darüber hinaus gibt es neben Blut weitere Substanzen im Urin, die Anzeichen für Gesundheitsprobleme sind, beispielsweise:

  • Eiweiß (Proteine): Zu viel Eiweiß im ausgeschiedenen Urin (Proteinurie) ist für den Urologen ein Hinweis auf eine Entzündung, Schädigung oder Funktionsstörung der Nieren.
  • Zucker (Glukose): Ist der Glukosewert im Urin erhöht (Glukosurie), ist dies möglicherweise ein Symptom einer Nierenerkrankung oder eines Diabetes mellitus.
  • Nitrit: Eine bakterielle Harnwegsinfektion, eine Nierenbecken- oder Blasenentzündung kann die Ursache dafür sein, dass sich Nitrit, ein Abbauprodukt von Bakterien, im Urin befindet.
  • Rote Blutkörperchen: Kommen vermehrt rote Blutkörperchen im Urin vor (Hämaturie), wird der Arzt abklären, ob eine Blasenentzündung, Nierensteine oder in selteneren Fällen Tumore oder Fehlbildungen des Harntraktes dazu geführt haben.
  • Weiße Blutkörperchen: In erhöhter Menge sind weiße Blutkörperchen bei einem bakteriellen Harnwegsinfekt im Urin (Leukozyturie). Sie können aber auch auf eine entzündliche Erkrankung der Nieren oder der Prostata hindeuten.

Beim Urintest kommt der sogenannte Urinstix, ein Urinteststreifen, zum Einsatz, der entweder in den Urin getaucht und dann abgestreift oder auf den einige Tropfen Urin geträufelt werden. Auch für den pH-Wert ist ein Feld auf dem Teststreifen vorgesehen. Ein pH-Wert zwischen 4,5 und 6 entspricht der Norm.1

Was ist drin im Urin?

Mit dem von den Nieren produzierten Urin wird nicht nur Wasser ausgeschieden. Auch Elektrolyte (beispielsweise Kalium und Natrium), Stoffwechselendprodukte, zum Beispiel Harnstoff und Kreatinin (Abbauprodukt des für die Muskulatur wichtigen Kreatin), sowie Fremdsubstanzen werden aus dem Körper geschwemmt. Ein Beispiel für Fremdsubstanzen sind Medikamente. Täglich scheiden wir circa 1.500 Milliliter Urin – ausgegangen von einer Trinkmenge von 2.000 Millilitern – aus.2 Durch Bilirubin, das ist das Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, erhält Urin seine typische bernsteinfarbene Optik.

Bereit für die Analyse des Urintests

Wie wird das Ausscheidungsprodukt für den Urintest gewonnen? Verwendet wird entweder

  • der Mittelstrahlurin (ersten Strahl Urin ablassen, folgenden Strahl in einem sterilen Gefäß auffangen, restliche Blasenentleerung wieder in die Toilette),
  • aus einem Blasenkatheter abgenommener Urin (zum Beispiel bei immobilisierten Patienten) oder
  • Punktionsurin (Urin wird bei gefüllter Blase mit einer sterilen Spritze entnommen; bei nicht eindeutigen Befunden).

Auf dem Urinstix gibt es Testfelder, die sich, nachdem der Streifen mit dem Urin in Kontakt gekommen ist, je nach Konzentration der darin enthaltenen Substanzen durch eine chemische Reaktion verfärben. Nach einer Wartezeit von üblicherweise 60 Sekunden — beim Testfeld für Leukozyten (weiße Blutkörperchen) sind es 60 bis 120 Sekunden — werden die Verfärbungen der Testfelder mit einer Farbskala verglichen.3

Die Urinuntersuchung ist relativ zuverlässig, jedoch können verfärbter Urin oder ein spezifisches Uringewicht (Dichte) von mehr als 1.020 Gramm pro Liter die Ergebnisse verfälschen.4 Bei letzterem ist die Menge an Wasser geringer, der Anteil an anderen enthaltenen Substanzen wie Eiweiße oder Zucker hingegen höher. Primär sollte der Facharzt in diesem Fall abklären, ob eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme dazu geführt haben könnte oder aber der Patient zu viel Flüssigkeit verloren hat, weil er beispielsweise erbrechen musste oder Durchfall hatte. Kann dies ausgeschlossen werden, muss er prüfen, ob eine Erkrankung wie eine Nebennieren- oder Herzinsuffizienz vorliegt.

“Es gibt auch rezeptfreie Urintests aus der Apotheke. Warum sollte ich trotzdem zum Arzt?“

Auch wenn es Teststreifen zur selbstständigen Durchführung des Urintests rezeptfrei zu kaufen gibt, sind die Ergebnisse eher als Anhaltspunkt und keinesfalls als sichere Diagnosestellung zu werten. Denn nicht selten kommt es zu verfälschten Ergebnissen, beispielsweise aufgrund von Medikamenteneinnahme. Der Gang zum Urologen ist also notwendig, um die Ursache der Beschwerden zu finden und zugrundeliegende Erkrankungen professionell zu behandeln.

Mikroskopisch beurteilt: Das Urinsediment

Sind die Ergebnisse der Urinuntersuchung mittels Urinteststreifen auffällig oder soll die Diagnostik abgesichert werden, kann eine mikroskopische Untersuchung folgen. Im Fokus dieser stehen beispielsweise

  • dysmorphe Erythrozyten (verformte rote Blutkörperchen),
  • Zylinder (verklumpte Strukturen, die in den Nierenkanälchen gebildet werden) und
  • Kristalle (zum Beispiel Cholesterin-Kristalle).

Vor dem Urintest muss die Ausscheidung jedoch aufbereitet werden, damit das Urinsediment, das heißt die festen Urinbestandteile, vorliegt. Um die flüssigen von den festen Bestandteilen zu trennen, wird die Urinprobe in einem speziellen technischen Gerät geschleudert (zentrifugiert). Unter dem Mikroskop wird dann das Urinsediment vierhundertfach vergrößert und analysiert.

Harnwegsinfekt? Die Urinkultur schafft Klarheit

Der Urologe legt eine Urinkultur an, wenn er den Verdacht hat, die Beschwerden könnten von einer Infektion im Bereich der Harnleiter, Blase oder Nieren herrühren. Bei dieser Form des Urintests wird ein Nährboden in den Urin getaucht. Idealerweise findet hierfür Morgenurin – der Urin der ersten morgendlichen Blasenentleerung – Anwendung, da dieser höher konzentriert ist.

Der für den Urintest getränkte Nährboden wird dann in ein Behältnis gegeben und zur Anzucht der Keime für circa drei Tage in einen Brutschrank (Inkubator) gelegt und anschließend ausgewertet.4

Die Urinkultur gibt Auskunft

  • über die Menge der Erreger (Keimzahlbestimmung),
  • um welche Erreger es sich handelt (Keimidentifizierung) und
  • welches Antibiotikum eingesetzt werden kann (Resistenztestung).

Denn: Es gibt Bakterien, die gegen ein bestimmtes oder mehrere Antibiotika widerstandsfähig sind, das heißt, bei denen Antibiotika nur noch abgeschwächt oder nicht mehr wirken.

Spezieller Urintest: 24-Stunden-Sammelurin

Äußert der Urologe den Verdacht auf eine Hormonerkrankung oder wiederkehrende Nierensteine, kann er Sie auch bitten, einen 24-Stunden-Sammelurin abzugeben. Mit dem Sammeln wird nach dem ersten morgendlichen Entleeren der Blase begonnen, das heißt, die erste Urinprobe wird entsorgt. Ab diesem Zeitpunkt, den sich der Patient notiert, fängt er sämtlichen Urin beim Wasserlassen für die nächsten 24 Stunden in einem Sammelgefäß auf. Wichtig ist, während dieser Zeit 1,5 bis 2 Liter zu trinken5. Je nach Literaturquelle wird dazu geraten, das Gefäß bei Raumtemperatur unter Lichtabschluss oder im Kühlschrank zu lagern. Fragen Sie diesbezüglich am besten Ihren Urologen beziehungsweise bei dem Labor nach, das den 24-Stunden-Sammelurin auswerten wird.

Julia Lindert
Mail schreiben
Medizinredakteurin