Azoospermie – was ist das?

6. Mai 2019
13 Min.

Lassen sich im Ejakulat (Sperma) eines Mannes keine vitalen Spermien finden, sprechen Mediziner von Azoospermie. Ungefähr 15 Prozent aller infertiler (zeugungsunfähig) Männer leiden unter einem vollkommenen Fehlen von Spermien.1 Doch müssen sich Betroffene nicht vollends von ihrem Kinderwunsch lösen, es gibt Verfahren, die die Zeugung eines Kindes ermöglichen. Alles rund um die Störung sowie deren Ursachen und Behandlungsoptionen lesen Sie hier.


Alles in Kürze und auf einen Blick:

  • Das Leitsymptom der Azoospermie ist Unfruchtbarkeit.
  • Zu den häufigsten Ursachen gehören Verletzungen des Urogenitaltraktes, Hormonmangel, Gendefekte, Chromosomstörungen und Infektionen.
  • Die Therapie richtet sich nach dem jeweiligen diagnostizierten Auslöser. Gängig sind zum Beispiel Hormonbehandlungen oder die Einnahme von Medikamenten wie Antibiotika bei Infekten. Operativ ist es außerdem mittlerweile möglich, Samenzellen aus den Hoden zu gewinnen. Diese können dann bei einer künstlichen Befruchtung (ICSI) eingesetzt werden.

Die Zeugung eines Kindes ist trotz Azoospermie in vielen Fällen möglich. Ihre Partnerin kann nach einer medizinischen Behandlung von Ihnen schwanger werden!


Ein Paar mit Kinderwunsch sitzt gemeinsam beim Arzt, weil der Mann durch Azoospermie zeugungsunfähig ist.

Woran merkt Mann, dass er an Azoospermie leidet?

Von Azoospermie betroffene Männer haben in der Regel keine Beschwerden. Sie können ganz normal einen befriedigenden Orgasmus bekommen und ejakulieren – ohne Schmerzen oder Einschränkungen. Erst wenn der Wunsch nach einem Kind aufkommt und sich dieser nicht erfüllt, dann erkennen sie, dass etwas nicht stimmt.

Bleiben Sie mit Ihrer Partnerin trotz regelmäßigem Geschlechtsverkehr mehr als ein Jahr lang kinderlos, liegt sehr wahrscheinlich bei einem von Ihnen eine Störung vor, die Sie unbedingt ärztlich abklären lassen sollten.2 Nur so lassen sich eine Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch und eine entsprechende Therapie finden.

Was sind die Ursachen für Azoospermie

Es gibt verschiedene Ursachen für fehlende Spermien im Ejakulat. Die Gründe reichen von den männlichen Hormonen über organische Schäden und Veränderungen bis hin zu genetischen Erkrankungen. Im Folgenden haben wir die häufigsten Auslöser für Sie zusammengetragen.

Fehlen männlicher Geschlechtshormone

Es gibt zwei Hormone (Gonadotropine), die eine besonders große Rolle in Bezug auf die Fruchtbarkeit spielen: FSH (follikelstimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon). FSH ist für die korrekte Bildung und Reifung von Spermien verantwortlich und LH kurbelt die Testosteronproduktion an. Kommt es zu einem Hormonmangel, nimmt das Einfluss auf die Produktion der männlichen Keimzellen. Schuld an dem Defizit können beispielsweise entzündliche Veränderungen der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) – die verantwortlich für die Freisetzung der Gonadotropine ist – sein.

Schädigung und Erkrankung der Hoden

In vielen Azoospermie-Fällen ist die Ursache der Zeugungsunfähigkeit im Hoden zu finden. Verantwortlich sein kann beispielsweise ein unbehandelter Hodenhochstand im Kindesalter. Zudem ist es möglich, dass bei Operationen (zum Beispiel die Behebung eines Leistenbruchs) oder Unfällen die Samenleiter in Mitleidenschaft geraten sind und verletzt wurden, was nun den Transport des Spermas behindert.

Bakterielle Infektionen

Häufig sind bakterielle Infektionen für die Azoospermie verantwortlich. Durch Entzündungsreaktionen kommt es zu einer Schädigung der Spermienfunktion. Die Spermien sind dann nicht mehr so beweglich und können sich nur schwer bis gar nicht fortbewegen. Zudem verursachen Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhö (Tripper) ein Verkleben der Samenleiter, wodurch der Weg der Spermien versperrt ist. Auch eine Prostatitis (Prostataentzündung), Epididymitis (Nebenhodenentzündung) oder Orchitis (Hodenentzündung) gehören zu den Infekten, die mitunter eine Azoospermie hervorrufen.

Der Gendefekt Mukoviszidose

Der genetische Defekt Mukoviszidose zählt auch zu den Gründen für Azoospermie. Rund 98 Prozent der männlichen Erkrankten sind unfruchtbar.3 Das liegt vor allem daran, dass die Samenleiter bei dieser Erkrankung häufig verstopft oder unterbrochen sind (obstruktive Azoospermie) und die Spermien nicht bis ins Ejakulat gelangen. Die Spermienproduktion ist aber meist intakt und macht es – nach einer Gewinnung der Keimzellen direkt aus den Hoden – möglich, eine künstliche Befruchtung durchzuführen.

Die Chromosomstörung Klinefelter-Syndrom

Beim sogenannten Klinefelter-Syndrom sind die Hoden sehr klein und stark unterentwickelt. Damit verbunden ist eine ungenügende Herstellung von Testosteron und die mangelhafte Produktion zeugungsfähiger Spermien. Immer wieder werden bei Heranwachsenden jedoch trotz allem intakte Spermien gefunden. Daher sollten Eltern bei ihrem Sohn bereits im Teenageralter eine Gewinnung der Spermien veranlassen. Diese können dann eingefroren werden, um einen möglicherweise im Erwachsenenalter bestehenden Kinderwunsch zur erfüllen. Je älter der Betroffene, desto geringer die Chance, noch zeugungsfähige Spermien zu finden.4

Weitere Gründe für eine verminderte Spermienproduktion

Eine erhöhte Skrotaltemperatur (Temperatur im Hodensack), zum Beispiel durch eine Varikozele (Krampfaderbruch im Hoden) oder wenn die Hoden bei heißen Bädern zu viel Hitze ausgesetzt wurden, wirkt sich negativ aus. Die Spermienproduktionsstätte befindet sich nicht ohne Grund außerhalb des Körpers im Hodensack: Für die Produktion und Vitalität der Keimzellen bedarf es einer anderen Temperatur als im restlichen Körper. Die ideale Wärme liegt drei Grad unter der üblichen Körpertemperatur von etwa 37 Grad Celsius, alles darüber ist zu warm.5

Das Folgende geht an alle „starken“ Männer da draußen, die ihre Muskelkraft durch die Einnahme von Anabolika noch deutlicher hervorheben wollen: Leider führt diese Substanz dazu, dass die Eigenproduktion FSH und LH stark zurückgeht, was wiederrum die Spermienbildung abnehmen lässt – bei jahrelangem Missbrauch helfen auch nach dem Absetzten nur noch Medikamente zum Ankurbeln der Hormone.

Zu guter Letzt: Ja, auch das Alter nimmt Einfluss auf die Produktion von Spermien. Die männlichen Geschlechtshormone werden immer reduzierter gebildet und die Gewebestruktur im Hoden verändert sich ebenfalls altersbedingt.

Wie sieht die Therapie aus?

Ist Mann mit Azoospermie überhaupt zeugungsfähig? Und ist es heilbar? Allen Männern mit Kinderwunsch sei bereits hier einmal gesagt: Eine diagnostizierte Azoospermie lässt sich in sehr vielen Fällen behandeln beziehungsweise müssen sich Betroffene nicht komplett von der Vorstellung verabschieden, ein Kind zu zeugen.

Es muss unterschieden werden zwischen einer obstruktiven und einer nicht-obstruktiven Azoospermie. Obstruktiv bedeutet, dass der Samen-Weg in irgendeiner Form verschlossen ist, das Sperma also nicht durch die Samenleiter transportiert werden kann. Da sich aber die Spermien in der Regel normal entwickeln, gilt es hier, die Barriere zu entfernen oder die gesunden Samenzellen von außen direkt aus den Hoden zu gewinnen. Bei der nicht-obstruktiven Variante der Azoospermie ist es hingegen so, dass nur eine sehr geringe Anzahl oder gar keine Spermien gebildet werden. Die Störung liegt also in der sogenannten Spermatogenese (Spermienbildung).


Die Behandlung im Überblick:

Azoospermie – die Diagnosestellung

Die Therapie einer Azoospermie richtet sich nach ihrer zugrundeliegenden Ursache. Dafür wird sowohl eine Anamnese (umfassende Patientenbefragung) als auch eine körperliche Untersuchung durchgeführt.

Bei der Befragung erkundigt sich der Mediziner nach

  • Schwangerschaften der Partnerin in der Vergangenheit,
  • der pubertären Entwicklung des Mannes,
  • bestehenden oder vergangenen Erkrankungen und Infektionen,
  • Medikamenteneinnahme,
  • Ernährungsgewohnheiten und
  • dem Konsum von Alkohol beziehungsweise Drogen.

Während der körperlichen Untersuchung liegt das Augenmerk nicht nur auf den Genitalien des Mannes. Er begutachtet den Patienten auch auf äußerliche Merkmale hin, die beispielsweise auf eine mangelhafte Bildung von männlichen Geschlechtshormonen hindeutet (wie Behaarung oder Stimmlage).

Die bisher gewonnenen Eindrücke reichen jedoch nicht für eine gesicherte Diagnose aus. Dafür bedarf es einer Analyse des Spermas, dem sogenannten Spermiogramm.

Die Spermaprobe:

Das für die weiteren Untersuchungen benötigte Sperma wird durch Masturbation gewonnen. Um dabei ungestört zu sein, können sich Männer in einen separaten Raum der Praxis zurückziehen. Wer seine Samenprobe lieber zu Hause abgeben möchte, kann sich vorab ein geeignetes Transportgefäß von der Praxis beziehungsweise dem Labor aushändigen lassen. Vor der Masturbation gilt es eine Zeit von mindestens zwei Tagen ohne Samenerguss einzuhalten, damit sich eine möglichst hohe Anzahl an Spermien im Ejakulat befindet.6

Nach einer durch Masturbation gewonnenen Ejakulatsprobe erfolgt die Analyse der Spermien (Spermiogramm). Das muss sehr schnell passieren, innerhalb einer Stunde sollte mit dem Spermiogramm begonnen werden, da die Spermien nicht lange außerhalb des Körpers überleben können.7 Im direkten Anschluss folgt die mikroskopische Untersuchung und Beurteilung des Spermas, zum Beispiel nach Volumen, Vitalität der Spermien sowie deren Anzahl. Für eine gesicherte Diagnose sollte diese Untersuchung bei auffälligem Erstergebnis unbedingt nach etwa 6 Wochen wiederholt werden, da es natürlicherweise immer Schwankungen in der Spermienqualität geben kann.8

Um zu überprüfen, ob ein Mangel der Hormone FSH und LH für das Fehlen von vitalen Spermien verantwortlich ist, wird auch eine Blutabnahme vorgenommen und die Probe auf die Hormone hin gecheckt.

Hormonelle Behandlung

Ist bei der Blutentnahme eine hormonelle Störung erkannt worden, gilt es, die beiden für die Spermienbildung wichtigen Hormone FSH (follikelstimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon) mit Hilfe von Medikamenten zu regulieren. FSH wirkt sich im Hoden auf die Neubildung von Spermien aus, während LH dort für die Testosteronproduktion zuständig ist.

Die Mikro-TESE bei Azoospermie

Eine Möglichkeit, um den Kinderwunsch erfüllbar zu machen, ist das sogenannten (Mikro-)TESE-Verfahren (Testikuläre Spermienextraktion). Hierbei werden unter örtlicher Betäubung Gewebeproben aus den Hoden entnommen. Befinden sich darin befruchtungsfähige Spermien, wird die Probe eingefroren. Danach besteht dann die Option, eine künstliche Befruchtung (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, ICSI) der Eizelle der Partnerin vorzunehmen.

Samengewinnung aus den Nebenhoden via MESA

Bei der Mikrochirurgischen Epididymalen Spermienaspiration (MESA) entnimmt der Operateur die beweglichen Spermien aus den Nebenhoden, weil sich in den Hoden keine zeugungsfähigen Spermien finden lassen.

Infektionen mit Medikamenten behandeln

Durch Krankheitserreger hervorgerufene Entzündungen, die zu Unfruchtbarkeit führen können, werden mit speziellen Arzneien behandelt. Ist bei der Diagnose eine bakterielle Erkrankung wie Gonorrhö diagnostiziert worden, erfolgt in der Regel eine medikamentöse Behandlung mit Antibiotika.

Mit unerfülltem Kinderwunsch leben lernen

Wenn sich keine Ursachen für die Zeugungsunfähigkeit ausmachen lassen oder eingeleitete Therapiemaßnahmen keine Wirkung zeigen, kann das ein betroffenes Paar in eine schwere Krise stürzen. Dies hat in der Regel enorme Auswirkungen auf die Lebensqualität, die Beziehung und die Sexualität.

Ihrer Partnerschaft und Ihrem eigenen Wohlergehen zuliebe, ist es sehr empfehlenswert, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen. Ihr behandelnder Arzt kann Ihnen Anlaufstellen nennen. In Selbsthilfe-Gruppen oder Foren erfahren Sie zudem, dass Sie mit der Diagnose nicht allein sind und wie andere Paare mit diesem Schicksal umgehen. Bitte scheuen Sie sich nicht davor, psychologische Hilfe (zum Beispiel auch in Form einer Paartherapie) in Anspruch zu nehmen. Denn auch wenn es schwerfällt, sich von dem Traum vom eigenen Kind zu lösen: man kann lernen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben – und das müssen Sie und Ihre Partnerin nicht allein bewältigen.

Carolin Stollberg
Mail schreiben
Medizinredakteurin
Themenvorschläge? Anregungen? Schreiben Sie uns!