Enuresis: Bettnässen bei Kindern und Erwachsenen

23. April 2019
15 Min.

Enuresis, wie das Bettnässen medizinisch bezeichnet wird, betrifft in der Regel Kinder, in seltenen Fällen jedoch auch Erwachsene. Die Patienten leiden allgemein sehr unter dieser Problematik und versuchen häufig, sie zu verbergen. Tatsache ist jedoch: Je früher ein Arzt aufgesucht wird, desto besser und schneller kann die Behandlung der Enuresis erfolgen. Erfahren Sie hier mehr zu den Ursachen und der Therapie – und darüber, wie häufig das Bettnässen eigentlich vorkommt.

Person mit nasser Schlafanzughose aufgrund von Bettnässen.


Übersicht

Wie genau ist das Bettnässen definiert?

Nächtliches Bettnässen wird auch als Enuresis bezeichnet und beschreibt das Einnässen im Schlaf unter folgenden Voraussetzungen:

  • es liegen keine Infektionen der Harnwege vor (beispielsweise eine Blasenentzündung)
  • der unwillkürliche Harnverlust zeigt sich ausschließlich im Schlaf
  • das 5. Lebensjahr ist bereits überschritten
  • an mindestens 2 Nächten pro Monat kommt es zum Einnässen1

In erster Linie tritt die Enuresis bei Kindern auf (bei Jungen doppelt so häufig wie bei Mädchen), doch auch Erwachsene können betroffen sein. Das Bettnässen gilt als behandlungsbedürftige Erkrankung, da der Leidensdruck bei Patienten sowie ihrer Familie in der Regel sehr groß ist. Vor allem die sozialen Kontakte leiden unter der Problematik. Kinder übernachten ungern bei Freunden, während Erwachsene möglicherweise keine Partnerschaft eingehen, da die Scham zu groß ist.

Übrigens

Bei den Jüngsten unter 5 Jahren sehen Experten Bettnässen noch nicht als krankhaft an, da sich die Kontrolle über den Schließmuskel erst nach und nach entwickelt. Mit 1 bis 2 Jahren wird Kindern der Harndrang dann langsam bewusst.

Bis zu einem Alter von 4 Jahren haben sie dann in der Regel gelernt, Bescheid zu geben, sobald sie auf die Toilette müssen - doch auch ein späteres „Trockenwerden“ ist noch völlig normal. Und selbst wenn tagsüber nichts mehr in die Hose geht, bleibt das nächtliche Einnässen oft noch bis zum vollendeten 5. Lebensjahr fortbestehen.2

Verantwortlich dafür ist unter anderem der Botensoff ADH (Antidiuretisches Hormon). Er sorgt dafür, dass der Organismus die Urinproduktion im Schlaf drosselt, um das Fassungsvermögen der Blase nicht zu überschreiten. Allerdings beginnt das Gehirn erst ab einem Alter von 2 bis 3 Jahren damit, ADH zu produzieren.3

Formen der Enuresis

Die Enuresis ist unterteilbar in zwei verschiedene Formen, die primäre und die sekundäre:

  • Primäre Enuresis: Sie bezeichnet ein nächtliches Einnässen, das von Geburt an besteht. Mit anderen Worten: das Kind war nie über einen längeren Zeitraum hinweg nachts trocken. Die primäre Enuresis wird wiederum unterteilt in eine monosymptomatische Enuresis (MEN), die nur das Bettnässen als Symptom hat, sowie eine nonmonosymptomatische Enuresis (Non-MEN), bei der zusätzlich zum Einnässen noch weitere Beschwerden oder Erkrankungen bestehen (beispielsweise ein zusätzliche Einnässen am Tag sowie ein schwacher Harnstrahl oder Schmerzen beim Wasserlassen).
  • Sekundäre Enuresis: Hierbei kommt es zum Bettnässen, nachdem bereits eine längere Periode des Trockenseins bestanden hat (mindestens 6 Monate).4 Häufig liegen dieser Art der Enuresis belastende Lebensereignisse (zum Beispiel die Trennung der Eltern) oder neurologische Erkrankungen (wie Epilepsie) zugrunde.

Spannend: Zahlen und Fakten zur Enuresis!

  • 1 bis 2 Prozent aller Jugendlichen und Erwachsenen sowie 10 Prozent der Siebenjährigen leiden unter Enuresis.
  • 10 Prozent der Kinder, die mit 7 Jahren noch Bettnässen, werden dieses Problem auch im Erwachsenenalter noch haben.
  • Nach Asthma ist Bettnässen die zweithäufigste chronische Erkrankung im Kindesalter.
  • Etwas doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind betroffen.
  • Enuresis ist vererbbar.
  • Weniger als die Hälfte aller Eltern geht mir ihren Kindern aufgrund des Bettnässens zum Arzt.5

Ursachen der nächtlichen Inkontinenz

Die Auslöser der Enuresis sind sehr vielschichtig – in jedem Fall sollten Sie ihnen jedoch auf den Grund gehen. Früher wurde das Bettnässen oft als Erziehungsfehler oder eine Art Verhaltensstörung abgetan. Auch heute sind viele Eltern noch davon überzeugt, ihre Kinder würden aus Trotz oder Faulheit ins Bett machen.

Mit dieser Vermutung liegen sie in den allermeisten Fällen falsch. Für die primäre und sekundäre Enuresis kommen folgende Auslöser infrage:

Primäre Enuresis Sekundäre Enuresis
  • familiäre Veranlagung
  • Reifeverzögerung der Nerven, die für Blasenkontrolle zuständig sind
  • Mangel an Antidiuretischem Hormon (ADH)
  • geringes Blasenvolumen
  • falsche Trinkgewohnheiten
  • schlechte Erweckbarkeit

Ursachen der primären Enuresis

Mittlerweile wurde zweifelsfrei erwiesen, dass es eine erbliche Veranlagung für die primäre Enuresis gibt. Sind Mutter oder Vater Bettnässer gewesen, besteht eine 45-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Kind ebenfalls unter dieser Problematik leidet. Waren beide Elternteile Bettnässer, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 77 Prozent an.4

Es besteht die Vermutung, dass bei betroffenen Kindern eine Reifeverzögerung vorliegt, die vor allem die Blasenkontrolle und das Schlafverhalten beeinflusst. Bettnässende Kinder sind oftmals besonders schwer zu erwecken – der Reiz einer gefüllten Blase reicht bei ihnen häufig nicht zum Aufwachen aus. Zum Vergleich: Nur 9 Prozent der Kinder mit Enuresis ließen sich durch Lautstärken im Bereich von 120 Dezibel (zum Beispiel wie bei einem Rockkonzert) aufwecken. Bei nicht bettnässenden Kindern waren es 40 Prozent. Obwohl sie schwerer erweckbar sind, schlafen die enuretischen Kinder jedoch weniger tief.4

Enuresis und ADHS

Bei Patienten, die unter ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) leiden, tritt die primäre Enuresis besonders oft auf. Die genauen Gründe für diesen Zusammenhang werden derzeit noch erforscht.

Ein wichtiger Faktor im Bezug auf die primäre Enuresis ist auch das Antidiuretische Hormon (ADH oder Vasopressin), welches den Wasserhaushalt im Körper steuert. Bei einem gesunden Erwachsenen schüttet die Hirnanhangdrüse bei Nacht so viel ADH aus, dass die Urinproduktion – im Vergleich zum Tag – um etwa die Hälfte gedrosselt wird. Bei Patienten mit Enuresis ist der ADH-Rhythmus oft gestört und der bei Nacht produzierte Harn übersteigt das Fassungsvermögen der Blase.

Übrigens: Einige Menschen haben eine geringere Blasenkapazität als andere. Hier kann ein Blasentraining weiterhelfen. Dabei sollte der Patient den Urin, sobald er den Drang verspürt, auf die Toilette zu gehen, noch eine kurze Zeit bewusst zurückhalten. Nach und nach erfolgt dann eine Ausdehnung dieses Zeitraums und eine Anpassung der Blasenkapazität.

Falsche Trinkgewohnheiten:

Bis zum Nachmittag sollten Betroffene etwa 75 Prozent ihres Tagesbedarfs an Flüssigkeit zu sich genommen haben. Gelingt dies nicht, fehlt der Blase sozusagen das Training. Eine altersentsprechende Vergrößerung der Blasenkapazität bleibt aus.4

Sie fragen sich, wie hoch Ihr Tagesbedarf an Flüssigkeit - oder der Ihres Kindes - ist? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. gibt Auskunft.

Ursachen der sekundären Enuresis

Bei den Auslösern der sekundären Enuresis spielen vor allem psychische Erkrankungen (wie Depression) oder einschneidende Lebensereignisse eine Rolle. Hierzu gehören beispielsweise:

  • Verlust eines Angehörigen
  • Trennung der Eltern
  • Geburt eines Geschwisterkindes
  • Mobbing

Vor allem Stress, Angst und Überforderung beeinflussen die Abläufe im Gehirn und damit auch die Korntrolle über die Blase negativ.

Des Weiteren kann auch ein Harnwegsinfekt der Auslöser für ein plötzlich auftretendes nächtliches Einnässen sein. Infektionen führen zu einer Irritation der Blase, was oftmals wiederum eine Inkontinenz auslöst.

Die Therapie der Enuresis – das können Sie tun

Tritt nächtliches Einnässen auf, ist der beste Ansprechpartner für den Erwachsenen der Urologe. Bei Kindern sollten sich Eltern zunächst an den Kinderarzt wenden.

So erfolgt die Diagnose:

Um herauszufinden, welche Ursachen der Enuresis zugrunde liegen, hat der Mediziner mehrere Möglichkeiten:

  • Anamnese: Ausführliche Erhebung der Krankengeschichte mit Fragen zur Symptomatik.
  • Untersuchung: Dabei tastet der Arzt Bauch sowie Rücken ab und inspiziert die Genitalien, um äußerliche Veränderungen (zum Beispiel eine Vorhautverengung) festzustellen.
  • Urintest: Mit seiner Hilfe kann ausgeschlossen werden, dass Infektionen im Harntrakt vorliegen.
  • Uroflowmetrie: Messung des Harnflusses zur Feststellung von Blasenentleerungsstörungen.
  • Ultraschall: Er liefert unter anderem Informationen zu anatomischen Besonderheiten der Blase, Fehlbildungen der Organe oder Harnsteinen.

Möglicherweise ordnet der Arzt zur weiteren Diagnostik auch das Führen eines Blasentagebuchs an. Hierbei trägt der Patient (oder die Eltern) vor allem Daten zum Trinkverhalten und Wasserlassen ein.

Steht die Diagnose fest, entscheidet der Medizinier zusammen mit dem Betroffenen oder – bei Kindern – mit den Eltern über die Therapie der Enuresis.

Urotherapie

Diese Form der Behandlung stellt für gewöhnlich den ersten Schritt im Therapieplan dar. Ihr Ziel: beim Patienten mehr Bewusstsein für seinen Körper und dessen Signale schaffen. Dafür ist es zunächst wichtig, die Anatomie sowie die funktionellen Abläufe im menschlichen Organismus darzustellen und die vorherrschende Problematik zu verdeutlichen (Entmystifizierung). Der Betroffene soll zudem lernen, angemessen zu trinken und die Blase bewusst sowie kontrolliert zu entleeren. Folgende Maßnahmen können Teil der Urotherapie sein:

  • Verhaltenstraining: Hierbei ist ein Trink- und Toilettenplan zu befolgen. Dieser gibt vor, dass in etwa alle zwei Stunden getrunken und Wasser gelassen werden sollte. 75 Prozent der täglich benötigten Trinkmenge müssen vor 17 Uhr aufgenommen sein; eine Stunde vor dem Schlafengehen darf der Patient nichts mehr trinken.4
  • Belohnungssystem: Durchhaltevermögen und Disziplin sollten belohnt und gelobt werden. Das fördert die Motivation und damit auch den Therapieerfolg. Keinesfalls dürfen Betroffene sich selbst (oder Eltern ihre Kinder) schlecht machen und bestrafen, wenn es in einer Nacht doch zum ungewollten Wasserlassen kam.

Die Urotherapie erfordert Geduld, Willenskraft und vor allem auch Unterstützung durch Spezialisten. Da Ärzte oftmals selbst nicht genügend Zeit haben, Betroffene zu schulen, gibt es sogenannte Urotherapeuten. Das sind beispielsweise Pflegekräfte, Arzthelfer oder Hebammen, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. Wer einen Urotherapeuten sucht, wendet sich am besten an die Deutsche Kontinenzgesellschaft oder an einen Urologen (einen Urologen in Ihrer Nähe finden Sie hier).

Spannend: Schutzpatron der Bettnässer

Das Bettnässen ist ein solch belastendes Problem, dass die Kirche Betroffenen einen der 14 Nothelfer als Schutzpatron zur Seite stellt: Den Heiligen Sankt Veit (auch Vitus). Ihm wurde folgender Vers gewidmet:

Heiliger Sankt Veit:
Wecke mich bei Zeit!
Nicht zu früh und nicht zu spät,
Dass auch nichts ins Bette geht!
6

Medikamentöse Behandlung

Je nach Ursache behandeln Spezialisten die Enuresis auch mit Medikamenten. Dafür stehen unter anderem folgende Präparate zur Verfügung:

  • Desmopressin: Ist die künstlich hergestellte Variante des Antidiuretischen Hormons. Es sorgt für eine reduzierte Harnbildung in der Nacht.
  • Anticholinergika: Sie senken die Aktivität der Blasenmuskulatur und erhöhen so das Fassungsvermögen der Blase.

Etwa 70 Prozent der Patienten werden durch die Einnahme von Desmopressin trocken. Nach dem Absetzen des Medikaments kommt es jedoch häufig zu einem Rückfall.7 Die Einnahme von Arzneimitteln ist immer nur eine vorübergehende Lösung, die es den Betroffenen erleichtern kann, die Kontrolle über ihre Blase zu erlernen.

Alarmtherapie

Bei dieser Art der Behandlung erfolgt eine Konditionierung des Patienten mithilfe eines elektronischen Weckgerätes. Ein Feuchtigkeitssensor, der sich in der Unterhose, Windel oder einer Matratzenauflage befindet, löst einen Alarm aus, sobald er mit Urin in Berührung kommt. So soll der Patient geweckt und das Wasserlassen im Schlaf unterbrochen werden.

Da gerade enuretische Kinder jedoch sehr schwer aufzuwecken sind, ist es wichtig, dass die Eltern mitwirken und das Kind beim Wachwerden und dem Toilettengang unterstützen. Für alle Beteiligten ist die Alarmtherapie ein sehr nervenzehrender Prozess – ein Grund, weswegen sie häufig abgebrochen wird. Zudem kann eine schlechte Schlafqualität Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit, das Immunsystem und die psychische Stabilität haben. Die Erfolgsrate bei einer nicht abgebrochenen Behandlung liegt dennoch bei etwa 70 Prozent – 50 Prozent davon bleiben auch langfristig trocken.6

Was bezahlt die Krankenkasse?

Da die Weltgesundheitsorganisation Bettnässen im Kinder-, Jugend- und Erwachsenenalter als äußerts belastende Erkrankung einstuft, übernimmt die Krankenkasse in der Regel die Kosten für alle gängigen Therapieformen.8

Was sonst noch helfen kann: Windeln, Akupunktur und Co.

Viele Eltern von bettnässenden Kindern, aber auch Betroffene selbst suchen neben der ärztlich verordneten Therapie nach weiteren Maßnahmen und Hilfsmitteln, die ihnen den Alltag erleichtern können. Dazu gehört unter anderem ein angemessener Wäscheschutz, beziehungsweise ein Matratzenschoner. Zur Auswahl stehen unterschiedliche Produkte:

  • Windeln: Je nach Alter und Größe des Patienten gibt es verschiedene Windeln oder Windelhosen, die als Schutz getragen werden können. Ein Sanitätshaus berät Sie hier bei der Auswahl.
  • Bettunterlagen: Sie nehmen in der Regel besonders viel Flüssigkeit auf und schonen die Matratze zuverlässig. Der Schlafanzug wird ohne zusätzliche Einlagen oder Windeln jedoch trotzdem nass.

Zudem versuchen viele Betroffene das Trockenbleiben mit Hilfe von Homöopathie zu unterstützen. Ein Heilpraktiker oder Arzt kann hier geeignete Präparate empfehlen.

Mit Laserakupunktur gegen Bettnässen

Diese Form der Therapie ist aktuell noch Gegenstand der Forschung. Sie könnte jedoch das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten einer Enuresis erweitern. Während der Laserakupunktur wird nicht wie bei der klassischen Akupunktur mit Nadeln behandelt, sondern völlig schmerzlos mit einer gebündelten Lichtquelle (Softlaser). Der Laser stimuliert dabei die vom Therapeuten ausgewählten Akupunkturpunkte. Der dadurch entstehende Reiz aktiviert im Körper die Selbstheilungskräfte.

Jana Welsner
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Medizinredakteurin und Lebensmitteltechnologin