Inkontinenz beim Mann: Ursachen, Formen, Therapie

Auch die Tatsache, dass Sie dem „starken Geschlecht“ angehören, schützt Sie nicht. Egal ob jung oder alt, Frau oder Mann, treffen kann sie jeden – die Inkontinenz. Die Ursachen für eine Blasenschwäche beziehungsweise Harninkontinenz sind zahlreich — doch zum Glück gibt es auch einige Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung.

Mann verdeckt seinen Schritt, da er an Inkontinenz leidet

Im Überblick:

Was ist eine Inkontinenz beim Mann?

Wenn ein Arzt Ihnen sagt, dass Sie eine Inkontinenz haben, genauer gesagt eine Harninkontinenz, so fasst er Ihren unfreiwilligen Urinverlust mit einem Fachwort zusammen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist die Inkontinenz auch unter dem Namen Blasenschwäche bekannt. Sie reiht sich in die Liste der Erkrankungen ein, die sehr häufig in Erscheinung treten. Da allein in Deutschland etwa acht Millionen – junge wie auch ältere – Menschen mit einer Inkontinenz leben, ist sie in gewisser Art und Weise eine Volkskrankheit.1 Von der großen Anzahl an Betroffenen bekommt man dennoch kaum etwas mit. Das liegt daran, dass es vielen Menschen sehr schwerfällt, ohne Scheu über ihre Problematik zu reden. Mehr als ein Mann schämt sich unnötigerweise dafür. Vermutlich ein Grund, weshalb sich nur jeder fünfte Erkrankte an seinen Arzt wendet.1

Wissenswert

Wenn Sie an einer Inkontinenz leiden, müssen Sie nicht verzweifeln. Denn in 80 Prozent der Fälle ist diese heilbar. Und auch wenn Sie zu den übrigen 20 Prozent gehören sollten, gibt es Hilfsmittel wie Einlagen, die Ihnen den Alltag erleichtern können. Mit einer Inkontinenz geht Mann am besten zum Urologen. Eine Untersuchung bringt Klarheit über die zugrunde liegende Ursache und die weiteren Behandlungsschritte. Den Urologen in Ihrer Nähe finden Sie hier.

Diese Formen der Inkontinenz kann ein Mann bekommen

Bei einem Mann ist Inkontinenz nicht gleich Inkontinenz. Denn die Krankheit kann verschiedene Ursachen haben. Daher unterscheiden Mediziner unter anderem die folgenden Formen:

Überlaufinkontinenz

Kommt es bei Ihnen zu einem unaufhaltbaren Urinfluss, sobald Sie spüren, dass Ihre Blase voll ist, deutet vieles darauf hin, dass Sie eine Überlaufinkontinenz haben. Natürlich kann Ihnen das nur ein Arzt mit absoluter Sicherheit bestätigen. Das Charakteristische bei dieser Variante der Inkontinenz ist, dass relativ viel Restharn nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibt. Folglich füllt sich die Blase schneller, wenn neuer Urin hineinfließt. Der Druck steigt und der Harn strömt unaufhaltbar. Sie als Mann haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an einer solchen Inkontinenz zu erkranken.1 Denn zu den häufigsten Ursachen zählt eine gutartige Prostatavergrößerung. Diese verengt mitunter die Harnröhre und sorgt so dafür, dass sich Urin zurückstaut. Das Gleiche gilt für weitere Abflussbehinderungen wie Harnsteine (zum Beispiel Blasensteine oder Tumore).

Auch eine Muskelschwäche im Bereich der Blasenmuskulatur oder der Harnröhre kann die Ursache für eine Überlaufinkontinenz sein — hierbei hält der Muskel dem Druck der Blase nicht länger stand und der Urin läuft unkontrolliert ab. Die Muskelschwäche entsteht häufig als Symptom von Nervenschädigungen (zum Beispiel durch Diabetes) oder aufgrund der Einnahme bestimmter Medikamente (unter anderem Antidepressiva, Blutdrucksenker und starke Schmerzmittel wie Opioide).

Belastungsinkontinenz

Wenn es Ihnen oftmals passiert, dass Sie unbeabsichtigt Wasser lassen, beispielsweise beim Husten, Niesen, Heben von schweren Gegenständen oder Lachen, liegt die Vermutung für diese Variante der Inkontinenz nahe. Denn sie wird typischerweise durch alltägliche Belastungen hervorgerufen. Ein Mann hat seltener als eine Frau diese Form der Inkontinenz. Der Harn geht meist ab, weil der Schließmechanismus der Harnröhre defekt ist. Bei Frauen rufen dies mitunter hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren hervor, die einen Einfluss auf die Beckenbodenmuskulatur und damit auf das Schließsystem der Harnröhre haben. Ein Mann kann eine Belastungsinkontinenz durch eine Prostatakrebs-Operation bekommen. Behandelbar ist diese Variante einer Inkontinenz beispielsweise mittels Beckenbodentraining und operativer Wiederherstellung der Beckenbodenmuskulatur. Übrigens: Die Belastungsinkontinenz wird auch als Stressinkontinenz bezeichnet.

Dranginkontinenz

Haben Sie einen Harndrang, der wie aus dem Nichts zu kommen scheint? Und der es für Sie so gut wie unmöglich macht, die Toilette noch rechtzeitig zu erreichen? Dann sollten Sie wissen, dass dies typische Kennzeichen einer Dranginkontinenz (auch Reizblase oder überaktive Blase genannt) sind. Unter anderem zählen Tumore, ein instabiler Blasenmuskel, Blasenentzündungen sowie neurologische Erkrankungen (beispielsweise Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose) zu den möglichen Auslösern. Die Behandlung dieser Inkontinenz erfolgt je nach Ursache zum Beispiel mittels Medikamenten gegen Parkinson.

Vielleicht interessiert es Sie an dieser Stelle noch, dass auch eine sogenannte Mischinkontinenz denkbar ist. Denn die Belastungs- und die Dranginkontinenz können auch in Kombination miteinander auftreten.

Enuresis – wo liegt der Unterschied zur Inkontinenz?

Unter dem Begriff „Enuresis“ verstehen Mediziner eine spezielle Form der Harninkontinenz: Nämlich das ungewollte Wasserlassen im Schlaf bei Kindern, seltener bei Erwachsenen. Umgangssprachlich wird die Enuresis auch als Bettnässen bezeichnet.

Diagnose und Therapie der Harninkontinenz

Die Behandlung einer schwachen Blase beziehungsweise Inkontinenz ist immer abhängig von ihrer Form und ihren möglichen Ursachen. Aus diesem Grund steht vor jedem Therapiebeginn zunächst die Diagnose. Um eine Inkontinenz zu diagnostizieren, hat der Mediziner (in der Regel ein Urologe) mehrere Möglichkeiten. Zunächst erfolgt eine genaue Befragung des Patienten zu seiner Krankengeschichte und seinen Symptomen (Anamnese). Auch ein Urintest ist häufig Teil der Untersuchung. Er gibt beispielsweise Auskunft darüber, ob eine Entzündung im Harntrakt vorliegt.

Je nach vermuteter Ursache geht der Arzt der Blasenschwäche mit folgenden Methoden auf den Grund:

  • Ultraschall von Harnblase, Harnröhre, Nieren
  • Röntgenbilder der Harnblase
  • Blasenspiegelung (Zystoskopie)
  • Blasendruckmessung (Urodynamik)

Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall und Zystoskopie lassen Rückschlüsse auf zum Beispiel Harnsteine schließen. Bei der Blasendruckmessung wird mit Hilfe von Drucksonden und Elektroden die Funktionsfähigkeit von Blase und Schließmuskel überprüft. Steht am Ende der Untersuchungen die Art der Inkontinenz fest, können Behandlungsmaßnahmen eingeleitet werden.

Behandlung der Überlaufinkontinenz

Ist an der Überlaufinkontinenz beim Mann eine gutartige Prostatavergrößerung schuld, werden Medikamente (beispielsweise eine Hormontherapie) eingesetzt, die dafür sorgen, dass die Prostata wieder schrumpft — so sinkt der Druck auf die Harnröhre und damit in der Blase. Ein chirurgischer Eingriff erfolgt in der Regel nur dann, wenn Hindernisse (zum Beispiel Harnsteine oder eine Gewebswucherung) die Harnröhre verengen, oder die Prostata operativ verkleinert werden muss. Ist die Ursache für die Überlaufinkontinenz eine Muskelschwäche, besteht die Möglichkeit, die Blasenmuskulatur durch eine medikamentöse Therapie zu stimulieren (beispielsweise durch sogenannte Cholinergika oder Parasympathomimetika).

Behandlung der Belastungsinkontinenz

Allem voran steht hier das Beckenbodentraining, bestenfalls unter physiotherapeutischer Anleitung. Je gestärkter der Beckenboden, desto besser die Kontrolle über die Blase.

So kann Beckenbodentraining aussehen: Legen Sie sich auf den Rücken und stellen Sie Ihre Beine etwa schulterbreit auf. Anschließend heben Sie den Po so weit an, dass Oberkörper und Oberschenkel eine gerade Linie bilden. Die Rücken- und Bauchmuskeln sind angespannt, der Hauptteil des Körpergewichts ruht auf den Schulterblättern am Boden. Nun heben Sie immer im Wechsel die Füße wenige Zentimeter vom Untergrund ab. Etwa vier Mal auf jeder Seite.3

Weitere Maßnahmen zur Therapie sind unter anderem Medikamente, um die Verschlussfunktion der Harnröhre zu verbessern (wie Duloxetin) und Operationen, bei denen beispielsweise Kunststoffbänder zur Unterstützung eingesetzt werden. Diese sorgen dafür, dass die Harnröhre beziehungsweise der Schließmuskel bei Belastung nicht sofort nachgeben. Zudem besteht auch die Möglichkeit, einen künstlichen Schließmuskel einzusetzen.

Behandlung der Dranginkontinenz

Auch bei einer Dranginkontinenz beziehungsweise überaktiven Blase ist gezieltes Beckenbodentraining eine geeignete Methode, den Beschwerden vorzubeugen. Ebenso wie Blasentraining, bei dem die Betroffenen unter Anleitung erlernen, ihre Blase wieder zu kontrollieren. Zudem gibt es verschiedene Medikamente, die unterstützend wirken können, zum Beispiel Anticholinergika. Sie sorgen unter anderem für eine Entspannung der Blasenmuskulatur, damit die Blase wieder mehr Harn speichern kann. Zeigen weder Medikamente noch Blasentraining Wirkung, besteht die Möglichkeit eines operativen Eingriffs, wie:

  • Sakrale Neuromodulation (Blasenschrittmacher): Einsetzen eines Implantats, das Einfluss auf die Sakralnerven — die Kommunikationsbahnen zwischen Gehirn und Blase — nimmt und so Fehlinformationen korrigiert.
  • Blasenaugmentation: Bei einer Blasenaugmentation wird die Blase vergrößert, meist unter Verwendung eines kurzen Dünndarmsegments, das der Chirurg vom Darm abtrennt und wie eine Art zusätzliche Tasche auf die Blase aufnäht.

Eher selten (beispielsweise bei bösartigen Tumoren und anderen schweren Erkrankungen) kann auch ein kompletter Blasenersatz notwendig sein. Hierbei bildet der Chirurg aus einem Stück Dünndarm eine neue Blase (Neoblase) und setzt diese an die Stelle der alten. Nach dem Eingriff folgt ein Kontinenztraining mit Hilfe von Physiotherapeuten.

Inkontinenz beim Mann: Bewährte Vorsorgemöglichkeiten

Sie sind ein Mann, der aktiv dazu beitragen möchte, eine Inkontinenz zu vermeiden? Falls ja, sollten Sie Vorsorgemaßnahmen in Erwägung ziehen. Bewährt haben sich unter anderem diese:

  • Ballaststoffreiche Ernährung: Zum Beispiel zählen Erbsen, Bohnen und Linsen zu den ballaststoffreichen Lebensmitteln. Sie können für einen regelmäßigen Stuhlgang – ohne Pressen – sorgen, der Ihr Schließmuskelsystem weniger belastet.
  • Blasentraining: Auch das Trainieren Ihrer Blase eignet sich zur Vorbeugung einer Inkontinenz. Das Training ist kinderleicht. Geben Sie einfach nur dem ersten Harndrang nicht nach. Zögern Sie ihn so lange hinaus, bis er nachlässt. Gehen Sie erst dann auf die Toilette. Wohl gemerkt: Ein Blasentraining bedeutet keinesfalls, dass Sie sich stundenlang den Gang zum Pissoir verkneifen müssen. Ein kurzes Zurückhalten ist vollkommen ausreichend.
  • Viel Trinken: Achten Sie immer darauf, genügend Flüssigkeit – am besten Wasser oder ungesüßten Tee – zu sich zu nehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine tägliche Gesamtzufuhr von rund 2,5 Liter.4 Denn wenn Sie zu wenig Flüssigkeit im Organismus haben, konzentriert sich Ihr Harn – enthaltene Substanzen wie Harnsäure und -stoff sind weniger verdünnt. Die mögliche Folge: Eine Reizung Ihres Blasenmuskels.
  • Beckenboden trainieren: Sportarten wie Schwimmen, Nordic Walking und Yoga stärken den Beckenboden. Auch ein gezieltes Training der Muskulatur des Beckenbodens unter Anleitung ist möglich und hilft, die Schließmuskeln zu kräftigen.

Falls Sie weitere Fragen zum Thema Vorsorgemöglichkeiten gegen Inkontinenz haben, so ist Ihr Hausarzt ein geeigneter erster Ansprechpartner.

Inkontinenz-Hilfsmittel: Ein Überblick

Neben den genannten therapeutischen Maßnahmen gibt es eine Reihe an modernen Hilfsmitteln, die Betroffenen von Harninkontinenz das Leben etwas erleichtern können. Zu den gängigsten Produkten für Männer zählen:

  • Urinalkondome: Durch eine Art Kondom, welches über den Penis gezogen wird, gelangt der Urin in einen Schlauch und von dort aus in einen Urinbeutel, der beispielsweise am Bein befestigt ist.
  • Einmalkatheter: Die Anwendung erfolgt durch den Patienten selbst, indem dieser den Einmalkatheter durch die Harnröhre in die Blase einführt und den Urin so ablässt. Für viele Inkontinenzpatienten gehört die Selbstkatheterisierung zum Alltag.
  • Einlagen: Diese Hilfsmittel nehmen Harn auf und binden ihn in ihrem Gewebe. Einlagen gibt es für Männer sowie Frauen und in vielen verschiedenen Größen sowie Stärken. Auch sogenannte Inkontinenzhosen (Pats oder auch Windelhosen) stehen zur Wahl.
  • Penisbändchen: Ein schmales Klettband mit einem kleinen Ballon übt von außen über den Penis Druck auf die Harnröhre aus und verschließt diese so. Zum Wasserlassen entleert der Patient den Ballon dann vorsichtig und der Urin kann fließen.
  • Penisklemme: Ein flexibler Kunststoffring wird von außen um den Penis gelegt und übt Druck auf die Harnröhre aus — der Urin kann so nicht mehr hindurchfließen. Zum Wasserlassen wird die Penisklemme dann entfernt.

Medizinisch erforderliche Inkontinenz-Hilfsmittel werden für gewöhnlich von der Krankenkasse erstattet. Voraussetzung ist ein ärztliches Attest mit Informationen zu Diagnose, monatlich benötigter Stückzahl an beispielsweise Einlagen sowie voraussichtlichem Behandlungszeitraum. Zudem müssen Betroffene ab einem Alter von 18 Jahren eine Zuzahlung in Höhe von 10 Prozent der Kosten (aber maximal 10 Euro monatlich) leisten.5

Inkontinenz und Pflegegrad

Eine Inkontinenz allein rechtfertigt noch keinen Pflegegrad, schon gar nicht bei jungen Menschen, die völlig eigenständig ihren Alltag bestreiten. Eine Rolle spielen unfreiwilliger Harnverlust oder Stuhlinkontinenz jedoch dann, wenn eine pflege- beziehungsweise hilfsbedürftige Person (egal welchen Alters) einen Pflegegrad - also finanzielle Unterstützung - bei der Krankenkasse beantragt. Hier beurteilt ein Gutachter nach einem speziellen Punktesystem die Selbstständigkeit des Patienten. Schwierigkeiten in Bezug auf die Ausscheidungen beeinflussen die Punktevergabe.
Regina Lopes Bombinho Brandt
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Jana Welsner
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