Dauererektion: Formen, Ursachen und Behandlung

2. April 2019
8 Min.

Da steht er, der Penis, und das ziemlich lange – jedoch ohne Sauerstoffversorgung. Eine Dauererektion zählt zu den Notfällen in der Urologie. Für die Betroffenen ist sie sehr schmerzhaft. Doch Zeit für Scham oder Angst, den Arzt aufzusuchen, bleibt keine, denn: Unbehandelt kann eine über Stunden andauernde Erektion zu bleibenden Funktionsstörungen führen. Die Behandlung erfolgt medikamentös oder operativ.


Fakten – kurz und knapp

Wie entsteht eine Dauererektion?

Es gibt zwei Entstehungsmechanismen der ungewollten Erektion. Entweder sorgt eine Verbindung zwischen einer blutzuführenden Arterie und dem Schwellkörper dafür, dass der Bluteinstrom in den Penis erhöht ist. Mediziner sprechen in diesem Fall vom sogenannten High-flow-Priapismus (auch arterieller oder nicht-ischämischer Priapismus). Die Erektion kann sich – vor allem, wenn der Betroffene kühlende Umschläge anwendet – von selbst zurückbilden.

Beim mit 95 Prozent weitaus häufigeren Low-flow-Priapismus5, der auch als ischämischer Priapismus bezeichnet wird, fließt das Blut nicht mehr aus der Vene ab. Stattdessen staut es sich in den Schwellkörpern.

Mann mit Dauererektion sucht das Gespräch mit einem Urologen.

Ein medizinischer Notfall – der Low-flow-Priapismus

Abgesehen von den starken Schmerzen, die infolge des erhöhten Drucks beim Low-flow-Priapismus auftreten, droht bei Nichtbehandlung, dass die Schwellkörper dauerhaft geschädigt werden. Schließlich gelangt durch den Blutstau kein frisches, sauerstoffreiches Blut zum Penis. Es ist essenziell, innerhalb von 4 bis 6 Stunden mit der Behandlung zu beginnen.6

Bitte gehen Sie zum Facharzt. Wir helfen bei der Suche.

Es gibt auch Mischformen, beispielsweise einen High-flow-Priapismus, der in einem Low-flow-Priapismus mündet, sowie Sonderformen wie den intermittierenden Priapismus, der oft nachts auftritt, während der Mann schläft. Dieser wird mit sogenannten antiandrogenen Medikamenten behandelt, welche die Wirkung männlicher Sexualhormone hemmen. Betroffene müssen die Arzneimittel häufig über Monate hinweg einnehmen.7

Zusammengefasst: Medizinersprache besser verstehen

Ischämisch bedeutet schlecht beziehungsweise nicht durchblutet.

Intermittierend meint, dass die Erkrankung in wiederkehrenden Episoden auftritt.


Symptome der beiden Formen gegenübergestellt:

High-flow-Priapismus Low-flow-Priapismus
  • weniger schmerzhaft oder sogar ohne Schmerzen
  • halbsteifer Penis
  • Pulsation des Penisschaftes (Volumenveränderungen sichtbar)
  • extreme Steifheit
  • bläuliche Verfärbung des Penis
  • Penisödem (Flüssigkeitsansammlung im Bindegewebe des Penis)
  • keine Pulsation des Gliedes

Was eine Dauererektion verursacht

In 30 Prozent der Fälle ist der Grund hierfür unbekannt (idiopathisch).3 Während beim High-flow-Priapismus überwiegend Verletzungen im Genital- oder Dammbereich verantwortlich sind, gibt es beim Low-flow-Priapismus vor allem sekundäre, also definierbare Ursachen. Das bedeutet, andere Krankheiten liegen zugrunde, die nicht selten Auswirkungen auf Zähigkeit und Fließeigenschaften des Blutes haben.

Beispiele für Erkrankungen:

  • neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose
  • Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Gicht oder Amyloidose (Komplikation von chronischen Entzündungen)
  • Bluterkrankungen, beispielsweise Leukämie oder Sichelzellanämie, bei der die roten Blutkörperchen erkrankt sind
  • Medikamente wie Antihypertensiva (blutdrucksenkende Mittel), Antidepressiva, Antiepileptika
  • Thrombosen (Blutgerinnsel)
  • Infektionen
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch
  • bösartige Tumore

Ursachen – Unterschiede auf einen Blick:

High-flow-Priapismus Low-flow-Priapismus
  • Verletzungen im Bereich von Becken, Genitale oder Damm
    (Bereich zwischen äußeren Geschlechtsteilen und After);
    beispielsweise infolge eines Unfalls oder einer Operation
  • überwiegend Folge von Krankheiten
  • Alkohol, Drogen

Potenzsteigernde Arzneimittel wie die bekannten „blauen Pillen“ sind selten der Auslöser. Gelegentlich jedoch kann die über Stunden anhaltende Erektion als Folge einer Schwellkörperinjektionstherapie mit Prostaglandinen (Gewebshormone) auftreten, die bei einer Erektionsstörung Anwendung findet. Dabei werden die Hormone mit feinen Nadeln direkt in den Schwellkörper gespritzt. Die sogenannte prolongierte Erektion kann in einen Priapismus übergehen.

So unterscheidet der Arzt einen High-flow- von einem Low-flow-Priapismus

Im Arztgespräch muss der Patient einige Fragen beantworten. Beispiele hierfür sind, wie lange die Erektion bereits andauert, ob und welche Medikamente er einnimmt und ob es Vorerkrankungen oder Verletzungen gibt. Es folgt ein spezieller Ultraschall, über den sich der Blutfluss darstellen lässt (Dopplersonografie). Der Arzt erkennt bei einem vorliegenden Low-flow-Priapismus, dass nicht nur die Blutzufuhr vermindert, sondern auch der Rücktransport des verbrauchten Blutes massiv eingeschränkt ist. Beim High-flow-Priapismus hingegen ist ein starker Blutstrom („Flow”) erkennbar. Darüber hinaus ist es sinnvoll, eine Blutgasanalyse durchzuführen. Bei dieser Diagnosemethode entnimmt der Facharzt über eine feine Nadel Blut aus dem Penis. Die Laborwerte zeigen auf, wieviel Sauerstoff und Kohlenstoff im Blut enthalten ist. Auch der pH-Wert lässt Rückschlüsse auf die Art des Krankheitsbildes zu.

Gewusst?

Probleme beim Wasserlassen bereitet ein Priapismus übrigens nicht, da der Schwellkörper, in dem sich die Harnröhre befindet, nicht betroffen ist.

Oberstes Ziel bei der Behandlung: Ein Abschwellen zu erreichen

Um das sich angestaute Blut bei einem Low-flow-Priapismus so schnell wie möglich aus den Schwellkörpern zu bekommen, spritzt der Facharzt Medikamente hinein, die gefäßerweiternd wirken und so den Blutrückfluss wieder in Gang bringen sollen. Anschließend punktiert er die Schwellkörper. Das Blut wird mit einer Kanüle abgesaugt und zwar solange, bis nach dem sauerstoffarmen wieder sauerstoffreiches Blut austritt. Dies erkennt man an der Farbe: Sauerstoffreiches Blut ist heller. Der Vorgang erfolgt nach einer Lokalanästhesie.

Fruchtet die beschriebene Behandlungsmethode nicht, wird operativ eine künstliche Verbindung, ein sogenannter Shunt, zwischen dem Corpora cavernosa und dem Corpus spongiosum gelegt, um den Blutabfluss wiederherzustellen.

Corpora …. was?

Corpora cavernosa: 2 Schwellkörper an der Oberseite des Penis; paarig angelegt

Corpus spongiosum: unpaariger Schwellkörper an der Unterseite des Penis; enthält die Harnröhre

Der genannte Eingriff hat Konsequenzen mit endgültigem Ausmaß: Eine erektile Dysfunktion ist die Folge, bei der das Glied für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr nicht mehr ausreichend steif wird. In der Phase der Nachbehandlung schließt eine Antikoagulationstherapie an, bei der dem Mann gerinnungshemmende Medikamente verabreicht werden.

Beim High-flow-Priapismus verschwinden die Symptome häufig ohne großes Zutun, beispielsweise durch lokale Kühlung. Ist dem nicht so, findet eine supraselektive Embolisation (Gefäßverschluss) der – meist bei Verletzungen entstandenen – arteriovenösen Fistel statt. Darunter verstehen Mediziner eine abnorme Verbindung zwischen einer Arterie und Vene. Dass diese Behandlungsmöglichkeit in der Folge beim Mann zur erektilen Dysfunktion führt, lässt sich nicht ausschließen.

Achtung: Der Laie erkennt nicht, ob es sich um einen High-flow- oder Low-flow-Priapismus handelt! Daher heißt es, keine Zeit zu verlieren und bei diesem Problem unverzüglich einen Arzt zu konsultieren.

Julia Lindert
Mail schreiben
Medizinredakteurin
Themenvorschläge? Anregungen? Schreiben Sie uns!