Gleason Score: Wie aggressiv ist der Tumor?

24. Mai 2019
8 Min.

In Deutschland ist der weltweit etablierte Gleason Score Standard, um die Tumoraggressivität (das sogenannte „Grading“) bei Prostatakrebs festzustellen. Benannt wurde dieser nach dem amerikanischen Mediziner Donald Floyd Gleason. Die Ergebnisse des Scores sind eine wichtige Grundlage für die behandelnden Ärzte, um eine Prognose zu stellen und über die Wahl der Therapie entscheiden zu können.

Definition

Bei Prostatakrebs ist der Gleason Score die wichtigste Maßzahl für den Entartungsgrad der Krebszelle gegenüber einer normalen Zelle. Je höher die Zahl (von 2 bis 10), desto agressiver der Tumor.

Beurteilung des Gleason Scores

Ärzte schauen sich die Ergebnisse des Gleason Scores eines Patienten an, um über die weitere Behandlung zu entscheiden.

Der erste Schritt ist es, operativ oder bei einer Biopsie unter örtlicher Betäubung Prostata-Gewebe zu entnehmen. Anschließend färbt der Pathologe das Gewebe ein und sieht es sich unter dem Mikroskop genau an. Dabei prüft er, wie stark sich die Tumorzellen von gesunden Zellen unterscheiden.

Prostatakrebs ist in vielen Fällen uneinheitlich, was erklärt, warum eine Gewebeentnahme aus nur einem Bereich der Prostata nicht ausreicht. Prostatadrüsen aus zwei Tumorzellarealen (mikroskopisches Gesichtsfeld) werden dann nach Anordnung und deren Form beurteilt und daraufhin einem von fünf Wachstumsmustern zugewiesen:1 Im Vergleich dazu sehen Sie im Slider, wie gesundes Prostatagewebe aussieht.

Drüsen

  • gewunden und verzweigt; dazwischen Bindegewebe und Muskulatur

Drüsen

  • gleichförmig

Knoten

  • scharf begrenzt
  • mittelgroß
  • dicht gepackt

Drüsen

  • lockerer und ungleichmäßiger als bei Grad 1

Knoten

  • nicht ganz scharf begrenzt

Drüsen

  • klein und ungleichmäßig
  • eventuell kleine solide (örtlich festgesetzte) Bezirke

Knoten

  • unscharf

Drüsen

  • meist ohne Innenraum
  • verschmolzene Drüsen
  • solide Bezirke

Knoten

  • Tumorbereich unscharf

Drüsen

  • keine klaren Drüsen
  • solide Bezirke
  • weitere Veränderungen

Knoten

  • Tumorbereich unscharf

Die Beschreibungen von Knoten und Drüsen machen deutlich, dass die Krebszellen bei einem niedrigen Grad den normalen Zellen noch sehr ähnlich sind. Je höher der Grad, desto deutlicher ist der Unterschied. Mediziner verwenden in diesem Zusammenhang auch den Begriff “Differenzierung des Tumors”.

  • Gut differenziert heißt, das Ausmaß, in dem die Gewebeprobe von normalem Gewebe abweicht, ist noch nicht ganz so groß.
  • Schlecht differenziert bedeutet, das Gewebe hat nur noch wenig oder gar nichts mehr gemein mit dem Ausgangsgewebe.

Es gibt vier Stufen: Sie reichen von G1 (gut differenziert) über G2 (mäßig differenziert) und G3 (schlecht differenziert) bis hin zu G4 (nicht differenziert)2. Mit steigender Stufe nimmt auch die Bösartigkeit des Krebses zu.

Wie geht es weiter?

Nachdem die beiden Proben von 1 bis 5 bepunktet worden sind, werden die Ergebnisse zusammengezählt. Daraus ergibt sich ein Gleason Score von

  • mindestens 2 (1+1) und
  • maximal 10 (5+5)3.
Berechnung auf einen Blick

Muster 1 + Muster 2 = Gleason Score

Ein niedriger Gleason Score bedeutet, der Tumor ist gering aggressiv. Hingegen wird einem Tumor mit einem hohen Gleason Score eine hohe Aggressivität zugeschrieben. Damit ist seine Tendenz gemeint, sich weiter im Körper auszubreiten.

Tatsächlich kommen Grad 1 und 2 bei Prostatakrebs so gut wie nicht vor und werden daher nur äußerst selten diagnostiziert.4 In der Praxis beginnt der Gleason Score somit mit 6 (3+3).

Gleason Score: Wie wird eigentlich ausgewertet?

Abhängig davon, ob die gewonnen Gewebeproben aus einer

  • Biopsie oder
  • (Teil-)Entfernung der Prostata stammen,

gibt es zwei verschiedene Regelwerke für die Berechnung des Gesamtwertes, denn das sekundäre Muster unterscheidet sich je nach Entnahmeart der Gewebeproben.

Das primäre Muster jedoch ist immer der Grad, der am häufigsten in den beurteilten Arealen des Tumors vorkommt. Dieser Wert wird auch immer zuerst genannt.

Stanzbiopsie

Im Falle einer sogenannten transrektalen Prostatastanzbiopsie wird die Darmwand und die Prostata des Patienten örtlich betäubt. Der Arzt führt dann eine Ultraschallsonde über den After in den Mastdarm ein. Im Inneren der Sonde befindet sich ein spezielles Gerät, das 10 bis 12 Gewebeproben aus verschiedenen Bereichen der Prostata ausstanzt, um ein möglichst sicheres Ergebnis zu erhalten.5 Jede der entnommenen Proben ist 0,1 x 18 Millimeter groß.6 Um das Risiko einer Infektion durch Darmkeime zu verkleinern, beginnt der Patient am Vorabend damit, vorsorglich ein Antibiotika über mehrere Tage einzunehmen. Der Eingriff erfolgt ambulant.

Bei einer Stanzbiopsie wird bei der Ermittlung des sekundären Musters das Muster herangezogen, das am stärksten von gesundem Gewebe abweicht. Jedoch nur, wenn dieses schlechter ausfällt als das primäre, häufigste Muster.

Prostatektomie

Im Falle einer (Teil-)Prostataentfernung, wird zur Berechnung der Gleason Score , das häufigste Muster (von 55 bis 95 Prozent7) mit dem zweithäufigsten (von 5 bis 45 Prozent5) addiert.

Das sekundäre Muster ist also nicht wie bei der Biopsie das Muster mit der größten Abweichung zu normalem Prostatagewebe, sondern das zweithäufigste Muster.

Nun würde ein und derselbe Patient zwei Ergebnisse erhalten, wenn man beide Varianten durchspielt: Zum Beispiel 2 (häufigstes Muster) + 4 (zweithäufigstes Muster) oder 2 (häufigstes Muster) + 5 (am stärksten abweichendes beziehungsweise bösartigstes Muster).

Warum gibt es also diese beiden Berechungsmöglichkeiten? Unterzieht sich der Patient einer Biopsie, berücksichtigen die Experten, dass bei dieser – im Gegensatz zu einer (Teil-)Prostataentfernung – weniger Gewebe zur Verfügung steht, das untersucht werden kann.

Sonderfälle

Findet sich nur ein Wachstumsmuster des Tumors unter dem Mikroskop, verdoppelt sich der Wert dieses Musters. 4+4 ergibt beispielsweise einen Gleason Score von 8.

Es kann auch vorkommen, dass der Pathologe bei der Gewebeuntersuchung Zellen findet, die einen höheren Grad aufweisen, als es die häufigsten und zweithäufigsten gefundenen Zellmuster tun. In diesem Fall gibt der Experte diesen dritten Wert (tertiären Gleason) mit an bei der Auswertung.

Gleason Score: Wie ist die Prognose?

  • Gleason Score unter 7: Prognose eher günstig
  • Gleason Score über 7: Prognose eher ungünstiger8

Gleason Score: Nur ein Baustein, um die geeignete Behandlungsmethode zu finden

Prostatakrebs ist nicht gleich Prostatakrebs. Mediziner beziehen mehrere Faktoren in ihre Beurteilung und Einschätzung, wie die Heilungschancen stehen, mit ein. Neben dem Grading spielen die Folgenden eine Rolle:

  • PSA-Wert: Überschreitet der Wert des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) eine bestimmte Grenze oder steigt dieser über einen kürzeren Zeitraum auffallend schnell, kann dies auf ein Prostatakarzinom hinweisen.
  • TNM-Klassifikation: Die international angewendete Klassifikation (T = Tumor, N = Lymphknoten, M = Metastasen) teilt Krebserkrankungen – nicht nur Prostatakrebs – in Stadien ein.
  • Gesundheitszustand des Patienten: Bei der Wahl der Behandlungsmethode berücksichtigen die behandelnden Ärzte unter anderem, welche Vorerkrankungen der Patient hat.

Über Behandlungsmethoden informieren

Auch wenn die Krebsdiagnose sowohl für Betroffene als auch Familienangehörige häufig ein Schock ist – niemand muss alleine entscheiden, welche Therapie angestrebt wird. Lassen Sie sich dazu ausführlich von Ihrem Arzt beraten.

Julia Lindert
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Medizinredakteurin